Flüchtlingsflut bringt Welle des Mitgefühls

Heute möchte ich meine Erfahrungen im August 2015 teilen, die ich auf dem LaGeSo-Gelände (Landesamt für Gesundheit und Soziales) in Berlin Moabit gemacht habe. Ich bin Moabiterin und habe mich im Mai der Bürgerinitiative „Moabit hilft!“ angeschlossen. Bis dahin bestand unsere Aufgabe darin, Geflüchteten bei den Ämtern zu unterstützen, Dolmetscher zu vermitteln, sie in den Notunterkünften zu betreuen und sie zum Arzt zu begleiten oder ihnen bei der Wohnungssuche und deren Einrichtung zu helfen. Es wurden Veranstaltungen initiiert, Spenden gesammelt und umverteilt. Wir hatten den Eindruck, es ist unendlich viel zu tun und es sind zu wenig Leute dafür da. Uns war allen klar, die Situation würde sich zuspitzen und wir waren sehr hilflos in Anbetracht der Tatsache, dass von der Bundesregierung und vom Berliner Senat nachhaltig weg geschaut wurde.

Ein Damm bricht!

Dann passierte etwas, womit niemand gerechnet hatte. Noch heute, während ich das schreibe, tränen meine Augen. Diana Henniges die Initiatorin von „Moabit hilft!“ postete einen Aufruf auf Facebook und wies darauf hin, dass beim LaGeSo hunderte von Geflüchteten tagelang bei größter Hitze ohne Trinkwasser, Essen und ärztlicher Versorgung obdachlos ausharrten, um registriert zu werden.

WP_20150818_14_01_18_RawUnd jetzt kommt der Teil wofür ich Berlin und insbesondere Moabit so liebe: ein Sturm brach los. Kein Sturm der Empörung und des Lamentierens – nein!

Hunderte von Hilfsangeboten täglich!

Da ich vorübergehend die Aufgabe übernommen hatte, die Mails und die Nachrichten von „Moabit hilft!“ zu sichten und zu beantworten, bin ich wahrscheinlich einer der Menschen, die bezeugen können, was für ein Sturm des Mitgefühls und des Helfens wortwörtlich losbrach. Es gab kein Halten mehr. Alle schienen darauf gewartet zu haben, endlich etwas tun zu können, helfend einzugreifen, nicht mehr tatenlos da stehen zu müssen. Wir durften täglich hunderte von den wunderbarsten Hilfsangeboten entgegen nehmen und koordinieren. So oft musste ich kurz inne halten, weil mir vor Rührung die Luft weg blieb. Die meisten Mails hatten die klare Aussage: „Ich will helfen! Ich bin mir für nichts zu schade! Ich sammle auch gerne Müll und putze die Klos! Ganz egal, setzt mich einfach ein wofür ihr mich braucht.“ Andere boten sich als Dolmetscher an und halfen, wenn gerade nichts zu übersetzten war. Ärzte, Krankenschwestern und Hebammen kamen in ihrer Freizeit auf das Gelände und organisierten sich zu einer wunderbaren Truppe, die einige Katastrophen verhindern und körperliches Leid lindern konnte.
Apotheker spendeten dringend benötigte Medikamente. Aber das war nicht genug. Es kamen auch unzählige Helfer einfach so vorbei, brachten Essen und Sachen für Menschen, die nichts mehr hatten, außer das, was sie am Leib trugen. Wer keine Zeit hatte, spendete Geld, wer kein Geld hatte, spendete Zeit und wer beides nicht hatte, brachte SachsWP_20150824_14_53_52_Propenden vorbei. Leute stellten sich und ihre Autos zur Verfügung und so konnten die unzähligen Spenden auch auf andere Notunterkünfte verteilt werden. In stundenlangen Nachtaktionen wurden in neu eröffneten Notunterkünften Betten aufgebaut und Hilfsgüter herangeschafft. Die Freifunker haben damit begonnen, die verschiedenen
Gelände der Notunterkünfte und des LaGeSo mit WLAN zu versorgen.

Wir machen das Beste aus der Krise!

Die IS hatte die von ihnen verfolgten Menschen zu uns getrieben, um uns zu terrorisieren. Bekommen haben wir die Erkenntnis und das Erleben von Mitgefühlt und Zusammenhalt. Klar gibt es auch die Störer und Verhinderer aber es Zeigt sich in diesen Tagen, dass sie in einer kleinen Minderheit sind und es täglich schwerer haben, sich Gehör zu verschaffen. Stetig wird mehr und mehr sichtbar, dass Deutschland sich dazu entschlossen hat, das Beste aus dieser Krise zu machen und jeden Tag dazu lernt.

Der Kreativität ist keine Grenze gesetzt!

Oftmals merkte ich an den Mails die tiefe Ergriffenheit, wenn mir Leute schrieben, die tags zuvor sich persönlich von der Situation beim LaGeSo überzeugt hatten. Sie konnten offensichtlich die Nacht darauf nicht schlafen und haben sich unglaublich hilfreiche Ideen einfallen lassen, die sie nun mit uns teilten. Diese Flut von Hilfsbereitschaft, die in diesen Mails und auf dem Gelände zu spüren war und ist, wird mir für Jahre das Herz erwärmen.

DSCF9482Marco Bulla ist einer von diesen Menschen, die mich täglich hinreißen. Geht man auf sein Face-Book Profil, sieht man Posts von Sport, Freizeit, veganer Ernährung, Urlaub, Familie. Das ändert sich schlagartig am 11. August, denn: „Ich fühle mich vom hilflosen Hinschauen extrem gestört“, schreibt er und ruft dazu auf, ihm Geld zu spenden, damit er – und das macht er seither täglich – Essen und andere Sachen für die Geflüchteten vom LaGeSo im Wert von mehreren hundert Euro ein
kaufen kann. Er ist eine große Stütze für „Moabit hilft!“ und dabei auch noch ein gute Laune Bringer ganz besonderer Klasse. Täglich postet er den Spendenstand und dokumentiert mit Fotos was er einkauft. Seine Texte sind so mitreißend und ansteckend, dass der Spendenstand am 8. September – exakt vier Wochen nach Beginn seiner Aktion – über 20.000 € steht. Dieser Mann scheint nicht müde zu werden und wurde bereits zur „Shopping-Queen“ ernannt. Mittlerweile hat er schon die Einkäufer im Supermarkt auf seiner Seite, die Sonderbestellungen an ihre Lieferanten absetzen, damit immer genug Müsliriegel, etc. vorrätig sind. Die Sachen werden eigens für ihn im Vorratslager gebunkert. Wenn es mit den Helfern und den prall gefüllten Einkaufswagen ans Bezahlen geht, wird extra eine Kasse für ihn geöffnet. Wer sich, wie so viele andere, seinem Charme und seinem Schwung nicht entziehen kann und wild auf seine täglichen Berichte ist, kann sein Geld zur Unterstützung dieses wunderbaren Phänomens los werden, in dem er ihm auf Facebook oder an mailto:marco.bulla@posteo.de eine Nachricht schreibt.

Niemand soll hungern!WP_20150814_08_14_38_Pro

Viele haben es mitverfolgt: das Veterinärsamt befand die Räumlichkeiten im „legendären Haus R“ für nicht sauber genug, um Stullen für die Wartenden zu schmieren. Wir wurden gezwungen, bereits zubereitetes Essen weg zu werfen, statt es den hungernden Menschen zu geben. Das war der Tag an dem einige der Helfer weinten vor Fassungslosigkeit. Doch der Berliner lässt sich ja bekanntlich nicht unterkriegen und so kam es, dass innerhalb einer Stunde ein Plan B für den nächsten Tag stand. Wolfgang, den ich bis dahin noch nicht kannte, meldete sichund meinte, er hätte die ganze Zeit mitgelesen und nun reicht es ihm. Er könne uns zu morgen einen Imbisswagen mit Veterinärszulassung besorgen und würde für uns mit einem Freund kochen. Gesagt, getan. Morgens früh stand unser kleines Prachtstück da und wir konnten nur denjenigen danken, die die besagte anonyme Anzeige beim Veterinärsamt gegen unsere Versorgung erstattet hatten, denn wir konnten so wesentlich mehr Menschen satt bekommen. Aber das war nicht genug.

WP_20150818_13_45_06_RawAndré kam vorbei – er ist der Herrscher über einen 18 Meter Film-Cateringtruck, den er uns für zwei Wochen samt vier Köchen und Pipapo auf den Platz gestellt hat. Und was für Kerle, diese Köche waren: wild entschlossen schwangen sie ihre Kochlöffel mit der Mission, so viele Menschen wie möglich satt zu machen. Die Kosten dafür hat André über Fundraising in der Filmbranche finanziert. Herbert Grönemeier beispielsweise hat es sich nicht nehmen lassen, neben vielen anderen großzügigen Spendern eine größere Summe bei zu tragen. Die Zutaten für das Essen wurde aus Geldspenden für „Moabit hilft!“ finanziert. Hätte das nicht funktioniert, hatten sich bereits Restaurantbesitzer aus der Umgebung zusammengetan und beschlossen, das Essen für die Geflüchteten in ihren Küchen zuzubereiten. Es bildeten sich Einkaufstrupps, wir hatten ein Food-Lager und einen Non-Food-Bereich

Es wurden unzählige von Spenden vorbei gebracht, die wir entweder verteilen durften oder die die Spender selbst verteilt haben. Viele von den Helfern, die ein Mal da gewesen waren, kamen, wenn sie es einrichten konnten, am nächsten Tag wieder. Das waren keine 8-Stunden-Schichten sondern 16-Stunden Arbeitstage und niemand wurde müde! Endlich war unser Überfluss, den wir oft beklagen und nicht zu schätzen wissen, für etwas nütze!

Was wurde erreicht?

WP_20150818_14_13_56_RawDas Rote Kreuz sollte dann die Organisation übernehmen, was dringend nötig gewesen wäre, denn es war klar, wir konnten diese Hilfe nur begrenzt leisten, mussten wir doch alle wieder in unser normales Leben zurück. Leider schien die Aufgabe dem Roten Kreuz zu groß. Glücklicherweise sprang die Caritas ein und wir durften auch dort unerschrockene und wunderbare Menschen kennen lernen. Schnell entwickelte sich ein schönes Miteinander. Aber auch hier herrscht noch großer Bedarf an Unterstützung, diese Mega-Aufgabe zu bewältigen. Noch immer sind täglich viele ehrenamtliche Helfer von „Moabit hilft!“ vor Ort, die Essen verteilen und den Platz sauber halten. Die Kinder werden betreut, die Ärzte konnten von einem Zelt, das man kaum Zelt nennen konnte (s.o.), in ein kleines Gebäude umziehen, es gibt genügend Wasser auf dem Gelände, nun gibt es ein paar Toiletten mehr, es wurden weitere Notunterkünfte eingerichtet und die Spenden auf die verschiedenen Standorte verteilt. Um die angespannte Situation vor dem LaGeSo zu entlasten, wurden mobile Einheiten für die Registrierung der Geflüchteten organisiert.WP_20150818_14_41_42_Raw

Wie geht es weiter?

Leider kann ich hier nicht schreiben: Ende gut alles gut, denn auch wenn wir viel erreichen konnten, stehen unsere neuen Mitbürger mit nichts da. Es kommt der Winter. Es wird kalt und nass und es werden noch viele Flüchtlinge ihren Weg zu uns finden. Aktuell laufen hunderte in Ungarn gestrandete Syrier auf der Autobahn von Ungarn nach Österreich. Nachts schlafen die Neuankömmlinge vor dem LaGeSo-Gelände auf der Straße und in Parks. Eine Nachtschicht, bestehend aus jungen engagierten Berlinern, tritt jede Nacht an, um die Neuankömmlinge zu begrüßen und um ihnen wenigstens heißen Tee, ein paar Decken und eine Kleinigkeit zu beißen anzubieten. Andere Unterstützer fahren mit ihren Autos vor und nehmen Ankömmlinge mit nach Hause, versorgen sie mit Essen, lassen sie duschen und zaubern einen sicheren Platz zum Schlafen für sie – ganz selbstverständlich als sei es das Normalste auf der Welt. Dennoch bleiben zu viele dort zurück. IMG-20150824-WA0001

Die Schule fängt nach den Ferien wieder an und es müssen viele Kinder mit Schulmaterial und Ranzen ausgestattet werden. Die Erstklässler sollen, wie alle andern auch, eine Schultüte bekommen.

Anderen helfen ist gut und tut gut!

Falls sich nun jemand fragt, ob er nicht auch etwas dazu beitragen kann, so möchte ich jeden dazu ermutigen. Ich hoffe, ich darf das so schreiben: Ich habe in der ganzen Zeit nicht einen Helfer gesehen, der seinen Einsatz bereut hätte. Wenn wir jemandem helfen, der in Not ist, dann tun wir das nur zu einem kleinen Teil für den anderen und zu einem großen Teil für uns selbst. So zumindest interpretiere ich das Strahlen der ganzen Helfer nach einem intensiven und langen Einsatz da wo es nötig ist. Auch wenn die Geflüchteten unsere Hilfe manchmal nicht einordnen können und nicht wissen, wie ihnen geschieht, weil sie einfach nur erschöpft, hungrig und verzweifelt sind, habe ich erfahren, dass viele von ihnen für uns beten, weil wir ihnen helfen. Diese Kraft bringen sie noch auf obwohl sie alles zurücklassen mussten. Sie haben Familienmitglieder auf der Flucht vor Terror, Folter und sicherem Tod verloren, wurden ausgeraubt und fielen Schlepperbanden in die Hände. Teilweise sind sie schon seit Jahren auf der Flucht. Sie harrten oft in Lagern in den Nachbarländern ihrer Heimat aus, in der Hoffnung, bald wieder zurückkehren zu können. Doch in den letzten Wochen und Monaten wurde klar, dass sich durch die IS die Situation so verschlimmert hat, dass sie sich gezwungen fühlen, nach Europa zu emigrieren. Sie kommen keineswegs freiwillig zu uns.

Hier könnt ihr euch orientieren, wenn ihr in Berlin helfen möchtet:

http://www.berlin-hilft-lageso.de

Unsere Welt verändert sich

Während ich hier nur einen kleinen Ausschnitt davon aufschreibe, was ich erlebt habe und was ein noch viel kleinerer Bruchteil davon ist, was unzählige Helfer täglich leisten, um Grenzen zu überschreiten, damit sich mehr Menschlichkeit und Mitgefühl einen guten Platz auf dieser Welt verschaffen, geht durch die Presse, dass gegen Till Schweiger wegen Volksverhetzung ermittelt wird, denn er hatte öffentlich verlauten lassen, was er über die rechtsradikalen Tendenzen in diesem Land denkt. Es ist zu lesen, dass die Anzeige keinen Erfolg haben wird. Aber auch hier wird es so sein, wie mit der „anonymen“ Anzeige gegen „Moabit hilft!“ damit das Veterinärsamt uns im Haus R auf dem LaGeSo-Gelände untersagt, die Menschen weiter mit Essen zu versorgen: Es wird noch mehr gute Kräfte auf den Plan rufen. Die Bewegung der Menschlichkeit wird sich nicht mehr stoppen lassen.

Konkret:

11951807_10205887660888391_1263966721822587838_nKlickt auf den Button, wenn ihr bei #bloggerfuerfluechtlinge mitmachen wollt. Hier findet ihr unzählige Initiativen, denen ihr euch anschließen könnt.

Beispielsweise: http://christmas4refugees.jimdo.com

n-tv hat einen schönen Artikel darüber veröffentlicht. http://www.n-tv.de/panorama/Vom-guten-Gefuehl-willkommen-zu-heissen-article15862061.html

Ihr könnt auch den Song „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten in den Charts nach oben treiben. Alle Einnahmen werden für Geflüchtete gespendet: http://www.tonspion.de/neues/neueste/6142998?utm_content=buffer38368&utm_medium=social&utm_source=facebook.com&utm_campaign=buffer

Meinen Text habe ich auf Grund der Initiative von #bloggerfuerfluechtlinge geschrieben und veröffentlicht.

Eva Terhorst, September 2015

Fotos: Andree Obiora, Marco Bulla, Eva Terhorst

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Ein Kommentar zu “Flüchtlingsflut bringt Welle des Mitgefühls

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