Archiv | Oktober 2015

Bestatter Roth über die Bedeutung des Totengedenkens „Es gibt kein Richtig oder Falsch“

Ein Mensch ist gestorben. Die Beerdigung liegt hinter den Angehörigen, Formalitäten sind erledigt, der Alltag hat einen wieder. Über den Weg hin zum dankbaren Gedenken an den Verstorbenen spricht Bestatter David Roth.

KNA: Herr Roth, bleibt für Totengedenken in unserer schnelllebigen Zeit überhaupt Zeit?

David Roth (Bestatter und Trauerbegleiter in Bergisch-Gladbach): Wir sind heutzutage in der Tat durch unsere Arbeit und hohe Geschäftigkeit sehr stark abgelenkt. Viele haben die Hoffnung, dass die Trauer einfach vorbeigeht – nach dem Motto: Die Zeit heilt alle Wunden. Manche versuchen auch gezielt, sich abzulenken. Aber irgendwann kommt meist doch ein Punkt, an dem sie sich damit befassen.

KNA: Wie wichtig ist es für die Trauerverarbeitung, dem Toten ein gutes Andenken zu wahren?

Roth: Die Bedeutung wird den Menschen meist erst später bewusst. Wir erleben das häufig bei Hinterbliebenen, die einer anonymen Beisetzung zugestimmt haben. Sie dachten, „Ich behalte den Verstorbenen doch in meinem Herzen“. Nun kommen sie damit nicht klar, dass sie keinen Platz zum Trauern und Gedenken haben. Viele anonyme Bestattungen werden deshalb später wieder rückgängig gemacht.

Zu einem guten Gedenken gehört auch, dass an dem Grab Sachen abgelegt werden oder dass es umgestaltet wird. Oft entwickeln sie dort eigene Rituale. Auch wenn die Zahl anonymer Beisetzungen steigt – vielen Menschen ist es nach wie vor ein ganz großes Bedürfnis, einen solchen Ort zum Trauern und Gedenken zu haben.

KNA: Was ist, wenn Menschen kein Grab zum Trauern haben?

Roth: Hinterbliebenen ist es meist enorm wichtig zu wissen, wo sich die sterblichen Überreste ihres lieben Menschen befinden. Es schmerzt, wenn man nicht physisch Abschied nehmen kann und sieht, wie der Sarg oder die Urne in die Erde gelassen werden. Es ist aber nie zu spät, eine solche Stelle zu schaffen. Viele Hinterbliebenen der Tsunami-Katastrophe in Südostasien haben sich einfach einen Ort genommen. Dieses Grab ist zwar leer, aber sie haben das Gefühl, den Verstorbenen hier verorten zu können. Sie haben dort etwa persönliche Gegenstände beigesetzt oder Briefe an denjenigen verbrannt und deren Asche beigesetzt.

KNA: Der Fantasie sind also keine Grenzen gesetzt…

Roth: Genau, es gibt kein Richtig oder Falsch. Jemand benutzt vielleicht den Schlüsselanhänger oder fährt mit dem Auto des Verstorbenen, obwohl es schon uralt ist. Oft sind es auch ideelle Dinge, mit denen man sich befasst, etwa mit den Kochrezepten des Verstorbenen. Vielleicht gründet man für ein Anliegen des Verstorbenen eine Stiftung oder unternimmt etwas im Sinne des anderen. Bei allem geht es um ein Sich-Befassen und darum, dass man einen Fokus hat, der einem die innere Verbindung ermöglicht – vielleicht auch, um ihm noch einmal zu sagen, dass man ihn liebt oder wie es einem gerade geht. Zu dem Andenken kann aber auch gehören, dass man sich mit Persönlichkeitsanteilen auseinandersetzt, die zu Lebzeiten vielleicht schwierig waren.

KNA: Ein gutes Stichwort – einen lieben Menschen zu vermissen und sich an ihn zu erinnern ist keine Kunst. Was, wenn der Verstorbene ein schwieriger Mensch war?

Roth: Dann muss man sich auch mit diesen Aspekten befassen und sie verabschieden. Menschen, die eine schwierige Beziehung zu einem Verstorbenen hatten, erzählen zugleich oft von einer großen Sehnsucht. Da hadert vielleicht eine Tochter, dass dieser Mensch nie der Vater war, den sie gerne gehabt hätte, weil er cholerisch, krank oder ein Alkoholiker war. Um den Verstorbenen trotz allem in Frieden zu verabschieden und zu würdigen, kann es helfen, sich auch mit seinen schwierigen Aspekten auseinanderzusetzen. Dann versteht man vielleicht sogar, warum dieser Mensch so geworden ist.

KNA: Hilft das Totengedenken bei der Trauerverarbeitung – oder sorgt es nicht dafür, dass der Hinterbliebene den Verstorbenen nicht wirklich loslassen kann?

Roth: Es ist unterschiedlich, in welcher Form und wie lange jemand trauert und wann er loslassen kann. Eines Toten zu gedenken und sein Andenken zu wahren, heißt nicht, dass sich jemand nicht zugleich auch wieder dem Leben zuwenden kann. Denn auch in Zukunft wird er immer wieder an den Verstorbenen erinnert werden, etwa wenn man in der Stadt jemanden sieht, der eine ähnliche Silhouette hat, oder wenn sein Lieblingslied im Radio läuft. Auch bei den jährlichen Festen kommen oft Erinnerungen hoch – wir erinnern uns vielleicht noch in 30 Jahren daran, was der Verstorbene an Weihnachten immer gesagt hat.

Dem kann man eigentlich kaum aus dem Weg gehen, die Frage ist: Wie gehe ich damit um? Reißt es mich in den Abgrund der Trauer, oder nehme ich es zum Anlass, mich in Liebe und mit einem Lächeln an ihn zu erinnern?

KNA: Wie können das Andenken an den Verstorbenen und beispielsweise eine neue Partnerschaft gut nebeneinander stehen?

Roth: Das setzt ganz viel Kommunikation voraus und eine gewisse Klarheit und Abgrenzung. Man darf den neuen Partner nicht missbrauchen als Ersatz für den Verstorbenen, sondern muss ihn als eigenständige Persönlichkeit respektieren. Zugleich braucht der Verwitwete seinen verstorbenen Partner nicht zu verleugnen. In Trauergruppen erlebe ich immer wieder, dass auch Verwitwete neue Beziehungen schließen, manche lernen sogar jemanden auf dem Friedhof kennen. Beide sind in der gleichen Situation – sie müssen mit einem Verlust leben, möchten aber auch nicht mehr einsam sein. Sie gehen wieder voller Zuversicht in diese neue Beziehung – wohl wissend, dass die Erinnerung an den verstorbenen Partner weiter einen Platz haben darf.

Das Interview führte Angelika Prauß. (KNA)

(KNA)    Hier geht es zum Interview bei Domradio

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Buchneuerscheinung: „Das erste Trauerjahr – Was kommt, was hilft, worauf Sie setzen können“ von Eva Terhorst

0004473301_0001_170Beim Schreiben des Buches stand für mich im Vordergrund über meine Erfahrungen und Erkenntnisse zu schreiben, denn in meiner Trauerzeit hätte es mir sehr geholfen zu wissen, was eigentlich Trauer mit unserer Seele und dem Körper macht und welche Konflikte auftauchen können. Vor allem unterschätzen wir, was unser Gehirn zu den normalen täglichen Anforderungen bei der Trauerverarbeitung zu tun hat. Im Buch gehe ich auf diesen unglaublich komplexen und enorm anstrengenden Prozess ein und wünsche mir, dass jedem beim Lesen klar wird, was für eine außergewöhnliche Leistung Trauernde vollbringen, während sie in ihrer Trauerzeit oft an den Rand er Gesellschaft geschoben werden.

Wenn das Umfeld einen nicht mehr versteht

Was die Reaktionen aus dem Umfeld betrifft, war ich leider in keiner Weise auf Unverständnis und mangelndes Einfühlungsvermögen eingestellt. Mich in einer Welt wieder zu finden, die mich von heute auf morgen nicht mehr verstand und zu der ich plötzlich nicht mehr gehörte, hat mich zusätzlich zum Tod meines Freundes und meinem Arbeitsplatzverlust, sehr erschüttert. Eine Freundin, die ebenfalls Trauerbegleiterin ist und vor ein paar Jahren ihren Sohn durch einen Unfall verloren hat, hat mir in einer Mail geschrieben: „Wenn es das Buch schon damals gegeben hätte und es von den Menschen, die mich in meiner Trauer nicht verstanden, gelesen worden wäre, ja dann wäre vieles anders gelaufen.“ So hoffe ich durch das Buch „Das erste Trauerjahr“ dazu beitragen zu können, dass sich Trauernde selbst besser verstehen können. Wenn Worte und Erklärungen nicht mehr ausreichen soll es helfen den klaffenden Riss zwischen Trauernden und deren Umfeld schließen zu können. Das Buch soll auch Menschen, die Trauernde begleiten und unterstützen möchten wie ein kleiner Kompass durch unbekanntes Terrain dienen.

Sehnsucht, die einen um den Verstand bringt

Auch dem Thema überbordende Sehnsucht widme ich ein Kapitel, denn es ist ein sehr unterschätzter Bereich. Wenn ein Trauernder äußert, er halte die Sehnsucht nach seinem geliebten verstorbenen Menschen kaum noch aus, dann steht oft dahinter, dass er kurz davor steht, den eigenen Tod in Kauf zu nehmen, um der verstorbenen Person endlich wieder nahe zu sein. Das bedeutet nicht, dass diese Person als lebensmüde bezeichnet werden könnte. Viele Trauernde sprechen nicht darüber, weil sie sich wegen ihrer Gefühle schämen. Sie sollen aber wissen, dass sie damit nicht alleine sind. Auch wenn es sich in Phasen der großen Sehnsucht so anfühlt, als gingen sie nie vorüber, lässt auch das irgendwann wieder nach. Allerdings dauert es oft einige Zeit länger als sie denken, dass sie es aushalten könnten. Dieser Sehnsucht zu widerstehen erfordert eine ungeheure Anstrengung. Im Buch sind Traumreisen und Affirmationen zu finden die in dieser Zeit hilfreich sein können.

Warum manchmal ein Buch ausreichen muss

Ein Buch kann zwar eine gute und ausgewogene Trauerbegleitung nicht ersetzten, ist aber sicherlich eine gute Ergänzung. Auch wenn eine Begleitung in manchen Fällen nötig wäre, so gibt es Situationen im Leben die dagegen sprechen, sich aktiv Hilfe zu holen. Es kann sein, dass man in einer Gegend wohnt, in der die nächste Trauerberatung 50, 100 oder mehr Kilometer weit weg ist. Selbst wenn man ein Angebot findet, so ist es noch lange nicht gewährleistet, dass einem die Person, der Seelsorger oder der Therapeut auch zusagt. Das Honorar für die Trauerbegleitung wird bisher noch nicht von den Krankenkassen übernommen und kostenfreie Angebote sind nicht immer leicht zu finden. Ein weiterer Grund könnte sein, dass man einfach nicht mit einer fremden Person oder in einer Trauergruppe über seine innersten Gefühle sprechen möchte. Auch an dieser Stelle kann ein Buch über die erste Zeit der Trauer sehr hilfreich und erschwinglich sein.

Um die Situation nicht nur mit einem Buch aufzufangen, habe ich einen Blog zum Buch und ein Online-Seminar für Trauernde entwickelt. Mehr dazu unter: http://www.das-erste-Trauerjahr.de

Das Buch „Das erste Trauerjahr – was kommt, was hilft, worauf Sie setzen können“ ist im Kreuz-Verlag erschienen und für 14,99 € im Buchhandel auch als E-Book erhältlich.

Kontakt: Eva Terhorst, info@trauerbegleiter.org, http://www.trauerbegleiter.org