Bestatter Roth über die Bedeutung des Totengedenkens „Es gibt kein Richtig oder Falsch“

Ein Mensch ist gestorben. Die Beerdigung liegt hinter den Angehörigen, Formalitäten sind erledigt, der Alltag hat einen wieder. Über den Weg hin zum dankbaren Gedenken an den Verstorbenen spricht Bestatter David Roth.

KNA: Herr Roth, bleibt für Totengedenken in unserer schnelllebigen Zeit überhaupt Zeit?

David Roth (Bestatter und Trauerbegleiter in Bergisch-Gladbach): Wir sind heutzutage in der Tat durch unsere Arbeit und hohe Geschäftigkeit sehr stark abgelenkt. Viele haben die Hoffnung, dass die Trauer einfach vorbeigeht – nach dem Motto: Die Zeit heilt alle Wunden. Manche versuchen auch gezielt, sich abzulenken. Aber irgendwann kommt meist doch ein Punkt, an dem sie sich damit befassen.

KNA: Wie wichtig ist es für die Trauerverarbeitung, dem Toten ein gutes Andenken zu wahren?

Roth: Die Bedeutung wird den Menschen meist erst später bewusst. Wir erleben das häufig bei Hinterbliebenen, die einer anonymen Beisetzung zugestimmt haben. Sie dachten, „Ich behalte den Verstorbenen doch in meinem Herzen“. Nun kommen sie damit nicht klar, dass sie keinen Platz zum Trauern und Gedenken haben. Viele anonyme Bestattungen werden deshalb später wieder rückgängig gemacht.

Zu einem guten Gedenken gehört auch, dass an dem Grab Sachen abgelegt werden oder dass es umgestaltet wird. Oft entwickeln sie dort eigene Rituale. Auch wenn die Zahl anonymer Beisetzungen steigt – vielen Menschen ist es nach wie vor ein ganz großes Bedürfnis, einen solchen Ort zum Trauern und Gedenken zu haben.

KNA: Was ist, wenn Menschen kein Grab zum Trauern haben?

Roth: Hinterbliebenen ist es meist enorm wichtig zu wissen, wo sich die sterblichen Überreste ihres lieben Menschen befinden. Es schmerzt, wenn man nicht physisch Abschied nehmen kann und sieht, wie der Sarg oder die Urne in die Erde gelassen werden. Es ist aber nie zu spät, eine solche Stelle zu schaffen. Viele Hinterbliebenen der Tsunami-Katastrophe in Südostasien haben sich einfach einen Ort genommen. Dieses Grab ist zwar leer, aber sie haben das Gefühl, den Verstorbenen hier verorten zu können. Sie haben dort etwa persönliche Gegenstände beigesetzt oder Briefe an denjenigen verbrannt und deren Asche beigesetzt.

KNA: Der Fantasie sind also keine Grenzen gesetzt…

Roth: Genau, es gibt kein Richtig oder Falsch. Jemand benutzt vielleicht den Schlüsselanhänger oder fährt mit dem Auto des Verstorbenen, obwohl es schon uralt ist. Oft sind es auch ideelle Dinge, mit denen man sich befasst, etwa mit den Kochrezepten des Verstorbenen. Vielleicht gründet man für ein Anliegen des Verstorbenen eine Stiftung oder unternimmt etwas im Sinne des anderen. Bei allem geht es um ein Sich-Befassen und darum, dass man einen Fokus hat, der einem die innere Verbindung ermöglicht – vielleicht auch, um ihm noch einmal zu sagen, dass man ihn liebt oder wie es einem gerade geht. Zu dem Andenken kann aber auch gehören, dass man sich mit Persönlichkeitsanteilen auseinandersetzt, die zu Lebzeiten vielleicht schwierig waren.

KNA: Ein gutes Stichwort – einen lieben Menschen zu vermissen und sich an ihn zu erinnern ist keine Kunst. Was, wenn der Verstorbene ein schwieriger Mensch war?

Roth: Dann muss man sich auch mit diesen Aspekten befassen und sie verabschieden. Menschen, die eine schwierige Beziehung zu einem Verstorbenen hatten, erzählen zugleich oft von einer großen Sehnsucht. Da hadert vielleicht eine Tochter, dass dieser Mensch nie der Vater war, den sie gerne gehabt hätte, weil er cholerisch, krank oder ein Alkoholiker war. Um den Verstorbenen trotz allem in Frieden zu verabschieden und zu würdigen, kann es helfen, sich auch mit seinen schwierigen Aspekten auseinanderzusetzen. Dann versteht man vielleicht sogar, warum dieser Mensch so geworden ist.

KNA: Hilft das Totengedenken bei der Trauerverarbeitung – oder sorgt es nicht dafür, dass der Hinterbliebene den Verstorbenen nicht wirklich loslassen kann?

Roth: Es ist unterschiedlich, in welcher Form und wie lange jemand trauert und wann er loslassen kann. Eines Toten zu gedenken und sein Andenken zu wahren, heißt nicht, dass sich jemand nicht zugleich auch wieder dem Leben zuwenden kann. Denn auch in Zukunft wird er immer wieder an den Verstorbenen erinnert werden, etwa wenn man in der Stadt jemanden sieht, der eine ähnliche Silhouette hat, oder wenn sein Lieblingslied im Radio läuft. Auch bei den jährlichen Festen kommen oft Erinnerungen hoch – wir erinnern uns vielleicht noch in 30 Jahren daran, was der Verstorbene an Weihnachten immer gesagt hat.

Dem kann man eigentlich kaum aus dem Weg gehen, die Frage ist: Wie gehe ich damit um? Reißt es mich in den Abgrund der Trauer, oder nehme ich es zum Anlass, mich in Liebe und mit einem Lächeln an ihn zu erinnern?

KNA: Wie können das Andenken an den Verstorbenen und beispielsweise eine neue Partnerschaft gut nebeneinander stehen?

Roth: Das setzt ganz viel Kommunikation voraus und eine gewisse Klarheit und Abgrenzung. Man darf den neuen Partner nicht missbrauchen als Ersatz für den Verstorbenen, sondern muss ihn als eigenständige Persönlichkeit respektieren. Zugleich braucht der Verwitwete seinen verstorbenen Partner nicht zu verleugnen. In Trauergruppen erlebe ich immer wieder, dass auch Verwitwete neue Beziehungen schließen, manche lernen sogar jemanden auf dem Friedhof kennen. Beide sind in der gleichen Situation – sie müssen mit einem Verlust leben, möchten aber auch nicht mehr einsam sein. Sie gehen wieder voller Zuversicht in diese neue Beziehung – wohl wissend, dass die Erinnerung an den verstorbenen Partner weiter einen Platz haben darf.

Das Interview führte Angelika Prauß. (KNA)

(KNA)    Hier geht es zum Interview bei Domradio

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