Was machen TrauerbegleiterInnen eigentlich in ihrer Freizeit? Teil 2 – Kerstin Haß

Im 2. Teil meiner Serie „Was machen TrauerbegleiterInnen eigentlich in ihrer Freizeit?„, stelle ich euch Kerstin Haß aus Potsdam vor. Sie ist Kunsttherapeutin mit Schwerpunkt Trauma, Trauerbegleiterin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Bei ihrem besonderen Projekt dreht sich alles darum, mit Geflüchteten, die unglaubliche Traumata im Gepäck haben, mithilfe der Kunsttherapie schwere Erlebnisse sanft und schrittweise zu verarbeiten. Dafür hat sie mit ihrem Mann den Verein „Shift e.V.“ gegründet. Und das kam so:

Alles begann mit einem Traum, den sie 2015 hatte, als die ersten Nachrichten von Geflüchteten auf Booten im Mittelmeer durch die Presse gingen. „In meinem Traum gehe ich mit einer weiteren Person durch eine Stadt. Ich sehe auf der Straße eine geflüchtete Frau mit einem Kind sitzen. Sie hält mir die Hand entgegen, damit ich ihr etwas gebe. Doch ich gehe vorbei, weil ich denke, dass ich ihr nichts geben kann, die Frau ist in Sicherheit, hier in Deutschland. Das Land wird sich kümmern. Die Person, die mich begleitet, führt mich ein zweites Mal an dieser Situation vorbei. Wieder sehe ich die geflüchtete Frau auf der Straße sitzen. Sie hat ein Kind auf dem Schoß und ich sehe, dass dieses Kind vor Hunger schreit. Doch wieder denke ich, dass ich mich nicht kümmern muss. Nicht mein Job. Deutschland versorgt die Menschen, die aus anderen Ländern geflohen sind. Und ich gehe wieder daran vorbei. Ein drittes Mal werde ich an dieser Situation vorbei geführt. Dieses Mal erkenne ich, dass das Einzige, was die geflüchtete Frau dem Kind zu essen geben kann, ein Stein ist. Das berührt mich so sehr in meinem Traum, dass ich anfange zu weinen. Davon werde ich wach.
Ich beginne zu überlegen, was dieser „Stein“ bedeuten kann. Die Menschen, die aus anderen Ländern fliehen mussten, haben so viel Schreckliches erlebt. Traumata und viele Verluste. Diese Menschen zu unterstützen, bedeutet, ihnen Hilfe anzubieten, damit sie mehr als nur „Steine“ ihren Kindern weitergeben können.“

2016 hatte sie dann die Möglichkeit mit einer NGO für einen Kurzeinsatz in den Irak zu gehen, um dort kreative Angebote mit Frauen in Flüchtlingscamps durchzuführen. 
Sehr inspiriert von den Erfahrungen im Irak, versuchte sie im Anschluss eine Art offenes Atelier für Geflüchtete in ihrer Praxis für Kunsttherapie in Potsdam anzubieten. Das gestaltete sich schwieriger als gedacht und so wurde sie zur „Lernenden“. In ihrer Ausbildung zur Trauerbegleitung bei Chris Paul beschäftigte sie sich mit dem Thema Trauer und Flucht.

Es ging erst einmal darum, Beziehungen zu den Menschen aufzubauen, mehr über deren Kultur zu erfahren und zu lernen, ab wann und wie ein Angebot annehmbar ist. 
Das gelang und sie durfte viele sehr berührende Lebensgeschichten hören, von Leid, Verlusten, Trauma, aber auch von einem unglaublichen Willen zum Neubeginn, von einer Kraft, die den Menschen innewohnt und ein Sich-neu-Finden. Sie ist so dankbar, diese Menschen begleiten zu dürfen.

Da die Nachfrage nach Unterstützung wuchs, entschlossen ihr Mann und sie sich 2018 einen Verein zu gründen, damit sie die Angebote ausbauen konnten. So entstand der Verein SHiFT e.V. und das kunsttherapeutische Projekt „Farboase“ – ein Angebot für geflüchtete Frauen, die die Trauer um die vielen Verluste und traumatische Erlebnisse bearbeiten wollen. Ein geschützter Raum für Austausch und Kreativität. Eine Frau sagte einmal: „Danke Kerstin, dass du den „müden“ (sie meinte eigentlich: traurigen) Frauen hilfst. Eine andere Frau: „Hier komme ich zur Ruhe, es ist so schön, andere Frauen zu treffen, aber ich weiß auch, dass ich weinen darf. Zu Hause muss ich stark sein.“ 

Zwischenzeitlich gab es an 3 Standorten in Berlin und Potsdam die „Farboase“. Durch Corona mussten sie leider wieder  zurückfahren – in Berlin „ ruht“ das Projekt. Mittlerweile gibt es die Farboase, die auch vom Land Brandenburg gefördert wird, noch in Potsdam, Jetzt im Lockdown dürfen sie keine Gruppen anbieten, aber durch Hausbesuche wird der Kontakt, aufrecht erhalten. Sobald es möglich ist, werden die Gruppen wieder starten. Die Frauen warten schon darauf. Einzelbegleitungen in Kerstins Praxis finden weiterhin statt. 

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