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Trauer Bullshit Bingo

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Gefunden auf dem Blog von Iris Willecke und darf kopiert und weiter verbreitet werden.

Trauer Bullshit-Bingo

Die Trauer Bullshit-Bingo Karte wurde entwickelt,  um Trauernden einen etwas entspannteren Umgang mit typischen, fast immer gut gemeinten aber leider dennoch verletzenden Äußerungen des sozialen Umfelds zu ermöglichen. Indem man sich schon im Vorfeld mit den Phrasen beschäftigt, bekommt man einen gewissen emotionalen Abstand und kann dadurch meist etwas gelassener reagieren, wenn man ihnen später in Gesprächen begegnet. Das Bullshit-Bingo möchte zu einem eher spielerischen und damit leichteren Blick auf die ansonsten triggernden Sätzen verhelfen, denn es ist sicherlich gesünder und angenehmer, sich leicht schmunzelnd an das Bingo-Spiel zu erinnern, statt sich zu ärgern.

Das Bild wurde in Postkartengröße gestaltet und darf von jedem für alle nicht kommerziellen Zwecke frei genutzt werden.
Wer mag, kann sich auch gerne (wo immer er möchte) selber Postkarten mit dem Bild drucken lassen. Dieses Angebot gilt selbstverständlich auch für Trauergruppen, Trauercafes etc., denn ich finde einfach, dass die Karten wunderbar geeignet ist, um über das Thema miteinander ins Gespräch zu kommen.

 

 

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„Alleine Weiterleben!

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„Alleine Weiterleben: Wenn der Partner gestorben ist: Den heilsamen Weg der Trauer finden“ – so heißt mein neues Buch, das seit gestern im Buchhandel erhältlich ist. Wieder ein Buch, das auf meinen eigenen Erfahrungen basiert.

Im Klappentext steht: Der Verlust des Partners, des Ehemanns oder Lebensgefährten, ist für jede Frau ein Schicksalsschlag. Ganz gleich, ob jung oder alt, ob die Partnerschaft schon sehr lange oder erst kurz bestand, ob die Beziehung noch „glücklich wie am ersten Tag“ war oder Liebe und Leidenschaft über die Jahre hinter die Anforderungen des Alltags zurückgetreten ist: wenn der Partner gestorben ist, erschüttert dies Körper, Geist und Seele.
Eva Terhorst beschreibt in ihrem neuen Buch, wie Frauen die vielfältigen Herausforderungen nach dem Tod ihres Partners bestehen können. Sie begleitet die Frauen in der Zeit der Umwälzung, gibt Impulse, konkreten Rat sowie Tipps und unterstützt die Witwen mit Affirmationen und Traumreisen. So können Frauen ihren heilsamen Weg in der Trauer finden. Irgendwann, nach viel Trauer, Mut, Achtsamkeit, Arbeit und Energie darf das Leben sich wieder gut anfühlen.
„Wenn der geliebte Lebensgefährte gestorben ist, wird plötzlich aus dem Wir ein Ich. Das gemeinsame Sein, das sich seit langem aufgebaut und entwickelt hat, ist mit einem Mal zu Ende. Wir fühlen nur noch Schmerz, nie waren wir so verletzt und verletzlich, nichts ist mehr, wie es war. Das Leben geht weiter, obwohl das Leben des geliebten Mannes zu Ende ist. Das ist schwer zu ertragen. Wir müssen ohne diesen Menschen, dessen Liebe und Nähe wir sicher waren, weiterleben. Wir müssen ohne diese Quelle der Liebe in die Zukunft schauen. Der Verlust des geliebten Mannes bringt uns in eine vollkommen neue Situation, in die wir hineinwachsen müssen, auch wenn sich alles in uns dagegen sträubt. Es gilt, einen neuen Weg für sich, für den Alltag und für das Leben zu finden, nachdem die gewohnten Sicherheit und Halt bietenden Strukturen allesamt verloren scheinen. Geben Sie sich für Ihre Trauer um Ihren geliebten Mann so viel Zeit, wie es sich für Sie richtig anfühlt. Ob es kleine oder auch mal ganz kleine Schritte sind – es entsteht daraus Ihr Weg. Darauf können Sie vertrauen.“

Zwei Trauerbegleiter unterhalten sich:„Wie gehe ich mit Angehörigen, Freunden und Kollegen um?“

0df160ca-8398-43fd-8237-d9f18c853811.jpgLieber Thomas, die Themen gehen uns nicht aus und ich freue mich immer sehr über unsere Dialoge. Anscheinend helfen sie auch unseren Lesern etwas dabei, sich mit den schweren Themen auch auf diese Weise auseinander zu setzen und auch von unseren Tipps etwas für sich mit zu nehmen. Daher möchte ich heute einen ebenfalls sehr schwierigen Punkt thematisieren: „Wie gehe ich mit Angehörigen, Freunden und Kollegen um?“ Fakt ist: Wenn ein geliebter Mensch stirbt, sind alle gleichermaßen: Umfeld und Betroffene unendlich überfordert. Das führt zu Missverständnissen und Verletzungen. Langjährige Freundschaften beginnen unter der Last der Krise zu wackeln und eigentlich zuverlässige Verbindungen zu Menschen, die uns bisher unwideruflich wichtig erschienen, zerbrechen. Was passiert da eigentlich genau? Das zumindest habe ich mich damals gefragt, als ich getrauert habe und das frage ich mich, wenn Trauernde zu mir kommen und mir davon erzählen. Auch wenn wir alle verschieden sind und jeder Fall anders liegt, scheint die Kommunikation mit der Außenwelt nach dem Tod eines geliebten Menschen fast immer ganz ähnlich kompliziert und hilflos abzulaufen, denn die Menschen, die bereits Ähnliches durchlebt und gut verarbeitet haben, sind selten und gehören nicht immer zu unserem Umfeld. Die anderen fühlen und geben sich zumeist rat- und hilflos, was zu bitteren Verletzungen führen kann. Das macht mich jedes Mal sehr traurig, denn ich denke, dass wir Lebenden unsere Chance an Krisen zu wachsen, im Gegensatz zu den Verstorbenen, nutzen können und sollen. Daher möchte ich dir heute vorschlagen, dass wir beiden uns damit auseinandersetzen, wie es besser laufen könnte und vielleicht hier die wichtigsten Punkte dazu sicht- und vielleicht auch anwendbar machen. Was hältst du davon? Liebe Grüße Eva

Liebe Eva, das ist ein wichtiges Thema, was Du da ansprichst. Tatsächlich beklagen fast alle Menschen in einer Verlust- und Trauerkrise, dass sie sich von ihrem Umfeld alsbald nicht mehr verstanden fühlen. Da bricht vieles weg. Sobald ein Todesfall eingetreten ist, gibt es eine große Welle an Empathie und Mitgefühl – aber die Angehörigen selbst sind dann oft noch gar nicht in der Lage, das wertschätzen zu können, zu viel gibt es zu organisieren und zu tun. Wenn dann die Ruhe einkehrt und sich der Schock und das Verstehen so langsam durchsetzen, beginnt das Verständnis von anderen schon ganz langsam zu bröckeln. Und meistens so nach einem Jahr hat sich eine latente Erwartungshaltung breitgemacht. So nach dem Motto: Jetzt muss es aber mal langsam wieder gut sein, es ist doch so lange her, sei mal wieder irgendwie normaler. Das Problem dabei ist ganz einfach dieses: Kein Mensch, der das noch nicht erlebt hat, kann wirklich nachvollziehen, wie sehr einen Trauer in die Krise ziehen kann, wie lange das dauern kann (Jahre, manchmal sogar: Viele Jahre), aber wie normal das alles auch ist… Ich sage immer gern: Trauer hat in dieser Gesellschaft einfach keine Lobby. Ich mag aber den Angehörigen und Freunden und Nachbarn und Kollegen andererseits da ungerne mit dem tadelnden Zeigefinger winken, weil ich sie auch verstehen kann, weil deren Leben eben unverletzt weitergeht und weil deren Leben alsbald wieder auf gewohnten Bahnen verläuft – während sich das Leben eines Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise einmal komplett neusortieren muss. Alles ist dann anders. Wirklich: Alles. Ich glaube, es ist unsere Aufgabe, als diejenigen, die beide Prozesse sehen und begleiten, hier immer wieder um Verständnis zu werben, immer wieder aufzuzeigen, wie normal es eben ist, dass solche Krisen viel Zeit brauchen, ganz viel Zeit. Du kennst solche Prozesse sicher auch aus Deiner Erfahrung, oder? Bin gespannt auf Deine Einschätzung, viele Grüße, Thomas

Lieber Thomas, da es da sehr schwer ist, mit „richtig“ oder „falsch“ zu urteilen, wenn es um die Reaktionen im Umfeld geht, gebe ich ganz gerne ganz konkrete Tipps, wie man vielleicht reagieren kann. Denn manche klagen, dass zu wenige nachfragen, wie es einem geht und was man möglicherweise braucht und andere fühlen sich gestresst über die Anfragen und Redeangebote, die ihnen in hoher Zahl gemacht werden, wobei es aber oft ziemlich schwer sein kann, mit Nichttrauernden über die gerade akuten Gefühle zu sprechen. Die Frage wäre, wie wir das am besten aufzäumen wollen – ich würde vorschlagen, wir fangen einmal damit an, uns an die Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise zu wenden und ihnen konkrete Tipps anzubieten, was meinst Du? Herzliche Grüße, Eva.

Liebe Eva, ja, sehr gerne – sowohl Deine Bücher als auch mein Blog richten sich ja vor allem an die Menschen, die sich gerade in einer solchen Situation befinden, da bietet sich das am ehesten an. Ich überlasse Dir gerne den Vortritt, magst Du anfangen? 😉 Herzliche Grüße, Thomas

Lieber Thomas, na klar, gerne: Speziell, was Einladungen betrifft, bemerken viele schnell, dass sie immer nur eine begrenzte Zeit unter Leuten sein können. Die Zeitspanne ist da bei jedem unterschiedlich aber in der Regel sind zwei Stunden für die meisten Trauernden mehr als genug. Die Sorge, wenn zu oft Absagen erteilt werden, nicht mehr eingeladen zu werden, spielt auch eine belastende Rolle. Oder als die Einladung kam, hatte man gerade einen guten Moment und hat freudig, vielleicht sogar ein wenig euphorisch zugesagt. Gut möglich ist es aber bei dem ganzen Auf und Ab der Gefühlswelt in der Trauerzeit, dass man sich dann am Tag der Feier hundsmiserabel fühlt und an eine Teilnahme an der Festivität nicht zu denken ist.

Da ist guter Rat gefragt und ich schlage vor:

Bekommt ihr eine Einladung fragt euch, ob ihr wirklich dort hin möchtet. Wenn nicht, sagt ohne Wenn und Aber ab. Bekommt ihr eine Einladung die ihr gerne wahrnehmen würdet, erbittet euch bei der Zusage das Verständnis der Gastgeber dafür, dass ihr eventuell kurzfristig absagen werdet, weil ihr zum gegenwärtigen Zeitpunkt einfach nicht sagen könnt, wie es euch bis zum betreffenden Termin geht.

Ein zusätzliches kleines Sicherheitsnetz könnt ihr entweder bereits im Vorfeld oder auf der Feier einbauen, indem ihr klarmacht, dass ihr nur für eine begrenzte Zeit bleiben könnt. Seid ihr zu einer Feier eingeladen, die euch durch die weite Anreise dazu zwingt auch zu übernachten, dann sorgt dafür, dass ihr ein eigenes Zimmer ganz für euch alleine habt und nehmt Gelegenheiten wahr, die sich euch bieten, um sie als Auszeiten für euch zu nutzen, um wieder Kraft zu tanken. Zur Not müsst ihr eben auf ausgedehnte Spaziergänge oder Ähnliches ausweichen.

Wie kann man auf unangenehme Fragen und Bemerkungen reagieren?

„Wie geht es dir?“ ist da eine ganz harte Nuss. Was soll man darauf antworten? Wie wäre es mit so ausweichend wie möglich? „Wenn einem die Antwort „gut“ im Halse stecken bleibt, dann vielleicht mit folgenden Varianten: „Ich wurschtele mich so durch, bin aber voller Hoffnung, dass es irgendwann besser wird.“ Diese Antwort enthält allerdings eine Falle, denn es ist damit zu rechnen, dass sich das Gegenüber zu einer weiteren Frage hingerissen fühlt: „Wie, dir geht es immer noch schlecht? Aber das ist doch schon x Wochen her?“ Furchtbar! Also weg mit dieser Antwort oder ihr versucht es daraufhin mit der Erwiderung, die meistens für Ruhe sorgt: „Meine Trauerbegleiterin hat gesagt, dass sei völlig normal.“ Im Ernstfall empfehlt ihr mein Buch „Das erste Trauerjahr“ – da steht alles drin, was Unwissende und Ungläubige in Sachen Trauer und dem Umgang damit wissen müssen. Schöner wäre es, wenn die Leute einfach nur sagen könnten: „Wie schön, dass du da bist.“ Das kommt aber leider nicht so oft vor. Eine weitere Möglichkeit auf die Frage „Wie geht es dir?“ zu reagieren, könnte sein, einfach die Aufmerksamkeit von euch abzulenken, indem ihr antwortet: „Ach lass uns doch lieber über dich reden.“ oder „Erzähl mir doch lieber von deinem Urlaub/Studium/deinem neuen Hund/Freund, etc.“

Besonders unangenehm sind die Momente, wenn sich vielleicht einige der Freunde zusammenrotten und der Überzeugung sind, dass es nun endlich Zeit wird, „loszulassen“ und sich einen neuen „Lover“ zu suchen – am besten noch über das Internet. Böse Falle, denn wenn man sagt, man sei schon bei „Elitepartner“ oder „Parship“ angemeldet, ist vielleicht Ruhe auch wenn es gar nicht stimmt aber vielleicht geht dann das Getuschel los, dass man sich schon so schnell jemanden Neuen sucht. Es ist unmöglich, es allen recht zu machen. Hier wieder der Satz, der helfen könnte: „Meine Trauerbegleiterin rät mir davon ab, es zu erzwingen. Generell kann man sich gerne weitere Varianten von Entgegnungen ausdenken, die mit „Meine Trauerbegleiterin hat gesagt…“, beginnen. Am besten, man legt sich schon etwas im Vorfeld zurecht, damit man nicht so überrasch wird. Aber ich bin gespannt, welche Erfahrungen und Tipps du in diesem Bereich auf der Pfanne hast. Liebe Grüße Eva 

Liebe Eva, vielen Dank für diese wertvolle erste Sammlung – mit dem Verkuppeltwerden hast Du mich echt überrascht, das ist mir bislang noch nicht untergekommen, auweia. Klar, das wird schnell als übergriffig empfunden. Ist ja auch ganz ohne eine Trauer- und Verlustkrise etwas sehr Übergriffiges. Ich möchte an dieser Stelle gerne einmal die Perspektive wechseln. Ich sage immer gern: Trauer ist das am meisten unterschätzte Gefühl, das es gibt. Und das am meisten missverstandene Gefühl. Wer das noch nicht erlebt hat, dem fällt es enorm schwer, das alles zu akzeptieren – dass es beispielsweise so lange dauert. Dass sich die Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise scheinbar so wenig entwickeln, dass es irgendwie nicht weitergeht, nicht vorangeht. Ich kann da beide Seiten gut verstehen. Deswegen werde ich nicht müde zu sagen: Liebe Leute, die ihr einem Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise etwas Gutes tun wollt, bitte beschäftigt Euch mit dem Phänomen der Trauer. Sammelt Wissen darüber. In unserer Gesellschaft heutzutage fehlen die Vorbilder für einen sinnvollen Umgang damit. Das zu ändern, ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Und wir können alle etwas dazu beisteuern. Indem wir uns einfach damit beschäftigen. Und ganz offen darüber reden. 

Was meiner Erfahrung nach Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise besonders gut: Speziell beim Thema Einladungen, Familienfest, Feiern im Freundeskreis und alledem – da steht allzu schnell mal der bekannte „dicke große Elefant im Raum“. Soll heißen: Alle spüren, dass da irgendwie das Thema Tod und Trauer mit im Raum ist. Meistens ist die Folge eine betretene Stille oder ein immer krampfiges Vermeidenwollen dieses Themas, was ein ziemliches kommunikatives Rumgeeier nach sich ziehen kann. Hier hilft meiner Meinung etwas ganz Simples: Traut Euch es anzusprechen. Sprecht den Elefanten an. Wendet Euch diesem Menschen zu, die gerade jemanden verloren hat, und macht ihr klar, dass ihr um die Situation wisst. Das geht zum Beispiel mit einem Satz wie: „Du hast ja kürzlich jemanden verloren, ich könnte mir vorstellen, dass Dich das noch ganz schön beschäftigt, oder?“. Das gibt dem Menschen die Chance, zu reagieren wie Du, Eva, es oben so schön beschrieben hast. Wichtig ist nur: Elefanten im Raum belasten die Atmosphäre. Sie ins Wort bringen zu können, sie benennen zu können, nimmt den Druck aus der Situation. Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise sind sehr sensibel und es hilft nicht, über ihr Schicksal hinwegzuschweigen. Alleine das kann hilfreich sein. Oder was meinst Du, Eva? 

Schwierig, lieber Thomas… Ein netter Gedanke, aber einerseits traut sich das kaum jemand und andererseits weiß ich nicht, ob man als Trauernder so direkt angesprochen werden möchte. Ich glaube, da braucht es noch ein bisschen mehr. Vor allem weil mir auch viele Klienten erzählen, dass sie hier und da selbst Bemerkungen machen, die den Verstorbenen einbeziehen, wie: „Das war Pauls Lieblingsessen.“ oder „Spanien war sein Lieblingsreiseland.“ Trauernden ist es meist wichtig, dass der Verstorbene nicht vergessen wird und man, wenn auch manchmal mit Tränen in den Augen, sich gemeinsam an ihn erinnern kann. Berichtet wird mir bedauerlicherweise, dass oftmals die Umstehenden entweder bedrückt daraufhin schweigen oder sofort das Thema wechseln und die Bemerkung übergehen. Das kann unglaublich niederschmetternd wirken. Gerne würde ich da raten, mit einer kleinen einfachen Entgegnung wie: „Ja, mir fehlt er auch.“ Oder „Wie schön, dass ihr die Gelegenheit nach Spanien zu reisen so oft ihr konntet, wahr genommen habt.“ zu reagieren. Mehr braucht es eigentlich gar nicht. Die einfachsten Gesten, wie jemanden in den Arm zu nehmen, an der Hand zu berühren oder ihm in die Augen zu sehen, können tatsächlich reichen, damit Trauernde sich verstanden und in der Gemeinschaft der Verwandten, Freunde und Bekannten, derer Leben weiter geht, gut aufgehoben zu fühlen. Ich hoffe, dass unsere Leser in der Kommentarfunktion ihre Erfahrungen und Tipps zu diesem Thema mit uns teilen, denn es ist ein tatsächlich schweres Thema bei dem Überforderung und Hilflosigkeit in jeder Ecke lauern. Herzliche Grüße, Eva. 

Liebe Eva, ja, das hoffe ich auch, denn es ist wirklich ein schwieriges Thema. Ich glaube, dieses betretene Schweigen, für das sich die meisten Menschen im Umgang mit dem Thema Tod entscheiden, rührt vor allem aus einer Angst heraus, die ich ungefähr so beschreiben lässt: „Auweia, wenn ich seinen Verlust jetzt anspreche, mache ich diesen anderen Menschen bestimmt wieder traurig. Oder ich bringe ihn damit zum Weinen und das möchte ich nicht…“ Wobei ich immer wieder erfahre: Wer einen Verlust erlitten hat, den beschäftigt dieses Thema sowieso jeden Tag, vielleicht jede Stunde, es ist nie weg. Auch später nicht, wenn etwas Zeit vergangen ist. Hast Du ähnliche Erfahrungen gemacht? Herzliche Grüße, Thomas 

Lieber Thomas, die Tränen der anderen auszuhalten, ist oft nicht leicht. Das Missverständnis ist, dass Angehörige denken, sie haben die Tränen bei der oder dem Trauernden durch ihre Nachfrage bewirkt – und das möchten sie natürlich auf keinen Fall. Die meisten können sich einfach genau das, was du oben erwähnst, nicht vorstellen: dass Trauernde im Verlauf ihres Tages mehr oder weniger stark mit dem zu bewältigenden Verlust beschäftigt und extrem nah am Wasser gebaut sind. Daher wäre es für alle ganz gut, zu verstehen, dass man in so einem Zusammenhang vielleicht durch Nachfragen der Auslöser für Tränen sein kann aber nicht die Ursache. Auf dem Schulhof oder schon im Kindergarten haben wir gelernt, dass es nicht erstrebenswert ist, andere zum Weinen zu bringen. Diese zurecht anerzogene Schranke ist im Zusammenhang mit Trauer leider nicht passend aber ich verstehe gut, dass es in einer spontanen Situation sehr schwierig sein kann, anders als gewohnt zu reagieren. Daher kann es bei Feiern oder Treffen an denen Trauernde teilnehmen, hilfreich sein, sich im Vorfeld schon darauf einzustellen, einfach auszuhalten, einen Menschen vor sich zu haben, der gerade durch die schlimmste Krise seines Lebens geht. Ja, es ist so schlimm, wie du es wahrnimmst.“, halte ich für einen Satz, wenn er mitfühlend gesagt wird, der Betroffene abholen kann… Liebe Grüße, Eva.

Liebe Eva – dem habe ich nun tatsächlich nichts mehr hinzuzufügen… Herzliche Grüße und vielen Dank an Dich, Thomas

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„Zwei Trauerbegleiter unterhalten sich“: Hier tauschen sich die beiden Trauerbegleiter Thomas und Eva über die Themen ihrer Arbeit aus. Das soll zu einem besseren Verständnis beitragen, warum Trauerbegleitung wichtig ist und euch helfen, besser zu verstehen, was ihr gerade durch macht, wenn ihr einen geliebten Menschen verloren habt. Auch für Angehörige von Trauernden kann dieser Dialog hilfreich sein. Denn es ist manchmal nicht so leicht nachzuvollziehen, was in jemandem vor sich geht, wenn er trauert. So kommt es schnell zu Missverständnissen und gut gemeinten Ratschlägen, die oft das Gegenteil vom Beabsichtigten auslösen. Sehr, sehr gerne können Trauernde, Angehörige, Trauerbegleiter und alle, die mit dem Thema zu tun haben, mit ihren Kommentaren dazu beitragen, dass dieser Dialog lebendig und hilfreich sein kann! Mehr Infos: Thomas Achenbach   Eva Terhorst

Sternartikel: „Was ich nach dem Tod meines Vaters von meinen Freunden gebraucht hätte“

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Als ihr Vater stirbt, ist unsere Autorin nicht nur tieftraurig. Sie spürt auch, dass Freunde im Umgang mit ihr überfordert sind. Im Moment der Trauer kann sie ihnen nicht dabei helfen, ihr zu helfen. Eine Expertin erklärt, was Trauernden hilft.

Ein, wie ich finde, sehr passender Artikel, den ihr hier weiterlesen könnt.

 

Zwei Trauerbegleiter unterhalten sich: Was tun mit dem Nachlass?

Liebe Eva, vor kurzem hatte ich wieder mal das Thema: Was machen wir bloß mit all den Dingen, die ein gestorbener Mensch hinterlassen hat? Also mit so ganz normalen Alltagsgegenständen wie zum Beispiel Kleidung. Ich habe die Erfahrung gemacht: Entweder gibt es Trauernde, die gleich ganz beherzt alles auf einmal wegschmeißen – oder es gibt Trauernde, die es nicht übers Herz bringen, auch nur die kleinste Kleinigkeit weggeben zu können. Da scheint es nur Extreme zu geben. Wie so oft in solchen Fällen. Wie erlebst Du das in Deiner Arbeit, Eva? Was sagst Du den Menschen dazu? Liebe Grüße, Thomas

Guten Morgen lieber Thomas, ja diese Extreme mit dem Umgang des Nachlasses eines Verstorbenen habe ich auch kennen gelernt aber auch alle Nuancen dazwischen. Es gibt natürlich die Situation, dass ein Haushalt aufgelöst werden muss, wenn die Wohnung zur Miete war oder auch das Haus in dem die Person gelebt hat, verkauft werden soll. Dann ist nicht viel Zeit und die äußeren Umstände zwingen zu einer schnellen Reaktion, was den Angehörigen oft ungeheuer schwer fällt, denn sie hätten gerne die Zeit dafür, sich in Ruhe zu überlegen, was wohin kommen soll und wer was bekommt. Andererseits gibt es auch diesen Drang die Notwendigkeiten zu erledigen. Oftmals handelt es sich um zusätzlich erschwerte Konfliktsituationen, wenn dann noch Streitigkeiten um das Erbe auftauchen. Aber in Normalfall und wenn der Verstorbene im eigenen Haushalt gelebt hat, der weiterhin bestehen bleibt, wird sich oft Zeit gelassen. Das klingt jetzt ganz locker, ist es aber nicht, denn beim Zeitlassen, fragen sich die Angehörigen immer wieder, ob gerade jetzt vielleicht der richtige Zeitpunkt gekommen ist, das eine oder andere zu verschenken, wegzugeben oder zu entsorgen. Dieser Prozess ist häufig von vielen Tränen und einem sehr schweren Herzen begleitet. Wenn diese Schwierigkeit in meiner Praxis zur Sprache kommt, empfehle ich, sich so wenig wie möglich unter Druck zu setzen sondern einfach Geduld zu haben und den Moment abzuwarten an dem man spürt, dass die Ablösung von bestimmten Gegenständen sich nun ganz natürlich anfühlt. Selbstverständlich gibt es auch die Möglichkeit des kreativen Umgangs damit. Aber jetzt warte ich erst mal deine Antwort ab und schreibe dir das nächste Mal mehr darüber, falls dich das interessiert. In gespannter Erwartung auf deine Meinung dazu: liebe Grüße Eva

Liebe Eva, ja, das hast Du sehr treffend und wertvoll zusammengefasst. Bei den Trauernden, mit denen ich gearbeitet und gesprochen habe, durfte ich viel über dieses Thema lernen. Am härtesten, so scheint mir, sind die Themen Kleidung und Kosmetik. Oder Parfüms. Halt alles, was bei den gestorbenen Menschen so etwas wie die „zweite Haut“ gebildet hat. Was mit der echten Haut in Kontakt war. Das wegwerfen zu müssen, kommt manchen Trauernden so vor, als würden sie den geliebten gestorbenen Menschen ein zweites Mal wegwerfen müssen. Von außen betrachtet mag das irrational klingen – aber in der Trauer ist eben nichts mehr irrational, sage ich immer gerne. Da spricht man halt mit seinen Toten. Und bewahrt ihre Sachen auf. Wenn mich die Leute sowas fragen wie: Finden Sie das wirklich in Ordnung, wenn meine Mutter da noch über Jahre die Klamotten von meinem toten Vater im Schrank hat – das gammelt doch, da kommen doch die Motten…? Dann sage ich gerne, genauso wie Du: Solange diese Dinge da im Schrank liegen, erfüllen sie auch eine Funktion – davon können Sie beherzt ausgehen. Und wenn sich diese Funktion erschöpft hat, können auch die Dinge weg. Meistens geschieht das ganz automatisch. Auf jeden Fall sollte es ohne Druck von außen geschehen. Auch das habe ich oft erlebt – auch selber: Es sind meistens die Angehörigen, nicht die Trauernden selbst, die diese Gegenstände gerne weghaben möchten. Und jetzt bin ich gespannt auf das, was Du sowieso noch sagen wolltest, liebe Eva. Herzliche Grüße, Thomas

Lieber Thomas,

ich finde deinen Vergleich mit der zweiten Haut sehr gelungen. Gerade so ein Bild, das du damit zauberst, hilft den Betroffenen sich selbst besser zu verstehen, wenn sie sich so schwer damit tun, die Dinge, die eben doch mehr als einfach nur Gegenstände sind, aufzugeben. Wenn du nichts dagegen hast, werde ich zukünftig dein Bild mit der zweiten Haut bei meinen Trauerbegleitungen auch verwenden.

Was ich immer gerne und eigentlich vor allem unbedingt bei diesem Thema anregen möchte, ist der kreative Umgang mit dem einen oder anderen Erinnerungsstück, auch wenn es vielleicht nur ein Gebrauchsgegenstand war. Gerade wenn es „nur“ ein Gebrauchsgegenstand des Verstorbenen war, ist es möglicherweise deutlich leichter, diesen zu verändern.

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Auf dem Foto siehst du zum Beispiel die Silber-Löffel-Sammlung meiner Cousine, die mir vermacht wurde. Statt diese in einer Schublade verschwinden zu lassen, habe ich sie schön in Szene gesetzt und werde so immer an meine Cousine erinnert, wenn ich daran vorbei gehe.

In meiner Begleitung habe ich gemerkt, dass die Menschen sich oft sehr schwer tun, die Dinge zu verändern. Sie lassen sie ehr liegen, räumen oder schmeißen sie weg. Veränderung scheint für uns alle immer wieder eine Herausforderung zu sein. Warum denn verändern fragst du? Die Antwort hat mehrere Komponenten: Der Tod des geliebten Menschen hat Vieles verändert. Wenn wir Gebrauchs- und Erinnerungsstücke umfunktionieren indem wir ihnen eine andere, eine neue Form geben, dann machen wir diese Metamorphose auf diese Weise sichtbar bzw. deutlich. Das ist vor allem für uns selbst wichtig, denn zu begreifen, dass derjenige nie mehr zurück kommen wird und eben nicht einfach nur auf einer längeren Dienstreise ist, ist unglaublich schwer. Was mich zum zweiten hilfreichen Aspekt des kreativen Umgangs mit dem einen oder anderen Teil des Nachlasses bringt. Wir müssen irgendwie begreifen, dass der geliebte Mensch nicht mehr kommt. Wenn wir beispielsweise aus seinen Lieblings-T-Shirts ein Kopfkissen oder eine Decke machen, dann tun wir das mit unseren Händen, die uns beim Begreifen helfen. Zusätzlich können wir so ein Kissen oder eine Decke benutzen und in diesem Fall können wir sie nachts, wenn die Sehnsucht besonders groß ist, ganz nah bei uns haben. Hier kommt dein Bild mit der zweiten Haut wieder ins Spiel: Viele tragen unter ihrer Kleidung beispielsweise ein Unterhemd des Verstorbenen. Sie tun dies heimlich, weil sie nicht für verrückt gehalten werden wollen und manche haben auch manchmal Angst, verrückt zu werden. Was ja auch stimmt, denn jetzt, wo der geliebte Mensch nicht mehr kommt und nichts mehr ist wie zuvor, ist alles verrückt. Hier macht sich auch der Kontrollverlust bemerkbar, denn wir konnten den Tod des Verstorbenen nicht verhindern und so wird uns klar, was wir die meiste Zeit verdrängen: wir haben bei den großen Themen des Lebens wie Leben, Liebe, Gesundheit und Tod wenig Einfluss und Kontrolle. Wir können zwar ein gesundes und achtsames Leben führen, doch ist diese Art von Schutz und Kontrolle auch trügerisch. Wenn wir also die Erinnerungsstücke und deren Form und Verbleib selbst in die Hände nehmen, gaukeln wir uns vor, dass wir wenigstens etwas selbst bestimmen können. Das ist gerade in der Phase, in der wir zutiefst erschüttert sind, eine recht einfache aber hilfreiche Maßnahme, um etwas schneller das Gefühl zu bekommen, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen.

Im Sinne der ständigen Veränderung und Wandlung grüße ich dich heute wieder ein Mal ganz besonders herzlich. Eva

Liebe Eva, ja, das ist sehr wahr. Ich glaube, über diesen Prozess der Wandlung werden wir immer mal wieder – auch bei anderen Themen – sprechen müssen. Das mit dem Unterhemd druntertragen finde ich ja irre, das hat mir noch keiner gesagt. Finde ich aber total nachvollziehbar – und warum denn auch nicht? Bei der Frage „Bin ich jetzt verrückt?“ gibt es meiner Meinung nach nur eine Antwort: Natürlich sind Sie das. Aber mit einem Bindestrich dazwischen. Sie sind ver-rückt, weil Ihre ganze Welt ver-rückt ist, nichts ist mehr an dem Platz, wo es vorher war, alles ist durcheinander und muss sich neu ordnen. Klar darf man da ver-rückt sein. Oder, in einem Bild aus der Systemik ausgedrückt: Unsere Welt ist oft wie so ein Mobile. Solange die Dinge irgendwie an ihrem Platz sind, bewegt sich alles in den geordneten Bahnen. Aber wenn eines der hängenden Teile abgeschnitten wird, kippt nicht nur eine der Achsen, sondern es gerät das ganze Gebilde in Unordnung, bewegt sich nicht mehr so hübsch synchron und geordnet, sondern gestürzt und chaotisch. So ist das auch mit dem System unseres Lebens, wenn wir einen Menschen verloren haben oder uns etwas anderes zugestoßen ist. Und was die beständige Wandlung im Leben angeht, das gilt ja auch in weniger drastischen Fällen als beim Tod eines Menschen. Die Engländer bringen das so schön auf den Punkt. „The only thing constant is change“. Da ist viel Wahres dran. Wenn man das erstmal mit ganzem Herzen und ganzer Seele verinnerlicht hat, kann das hilfreich sein. Übrigens darfst Du gerne das Bild mit der zweiten Haut benutzen. Da habe ich kein Copyright drauf. Wäre ja verrückt, oder? Augenzwinkernde Grüße, Thomas

Bei „Zwei Trauerbegleiter unterhalten sich“ handelt es sich um eine Fortsetzungsserie von Thomas Achenbach – Trauerbegleiter und Blogger – aus Osnabrück und mir – Trauerbegleiterin und Buchautorin aus Berlin – in der wir uns über die Themen, die uns in unserer Arbeit begegnen austauschen. Gerne können Vorschläge in der Kommentarfunktion oder per Mail an: info@trauerbegleiter.org gemacht werden, welche Themen wir ansprechen sollen.