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Sternartikel: „Was ich nach dem Tod meines Vaters von meinen Freunden gebraucht hätte“

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Als ihr Vater stirbt, ist unsere Autorin nicht nur tieftraurig. Sie spürt auch, dass Freunde im Umgang mit ihr überfordert sind. Im Moment der Trauer kann sie ihnen nicht dabei helfen, ihr zu helfen. Eine Expertin erklärt, was Trauernden hilft.

Ein, wie ich finde, sehr passender Artikel, den ihr hier weiterlesen könnt.

 

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Begleitbrief Juli 2018

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Ihr Lieben, hier geht es zum Link zum aktuellen Begleitbrief. Allerdings ist das Buch, das ich verschenken durfte, schon vergeben.

Zwei Trauerbegleiter unterhalten sich: Was tun mit dem Nachlass?

Liebe Eva, vor kurzem hatte ich wieder mal das Thema: Was machen wir bloß mit all den Dingen, die ein gestorbener Mensch hinterlassen hat? Also mit so ganz normalen Alltagsgegenständen wie zum Beispiel Kleidung. Ich habe die Erfahrung gemacht: Entweder gibt es Trauernde, die gleich ganz beherzt alles auf einmal wegschmeißen – oder es gibt Trauernde, die es nicht übers Herz bringen, auch nur die kleinste Kleinigkeit weggeben zu können. Da scheint es nur Extreme zu geben. Wie so oft in solchen Fällen. Wie erlebst Du das in Deiner Arbeit, Eva? Was sagst Du den Menschen dazu? Liebe Grüße, Thomas

Guten Morgen lieber Thomas, ja diese Extreme mit dem Umgang des Nachlasses eines Verstorbenen habe ich auch kennen gelernt aber auch alle Nuancen dazwischen. Es gibt natürlich die Situation, dass ein Haushalt aufgelöst werden muss, wenn die Wohnung zur Miete war oder auch das Haus in dem die Person gelebt hat, verkauft werden soll. Dann ist nicht viel Zeit und die äußeren Umstände zwingen zu einer schnellen Reaktion, was den Angehörigen oft ungeheuer schwer fällt, denn sie hätten gerne die Zeit dafür, sich in Ruhe zu überlegen, was wohin kommen soll und wer was bekommt. Andererseits gibt es auch diesen Drang die Notwendigkeiten zu erledigen. Oftmals handelt es sich um zusätzlich erschwerte Konfliktsituationen, wenn dann noch Streitigkeiten um das Erbe auftauchen. Aber in Normalfall und wenn der Verstorbene im eigenen Haushalt gelebt hat, der weiterhin bestehen bleibt, wird sich oft Zeit gelassen. Das klingt jetzt ganz locker, ist es aber nicht, denn beim Zeitlassen, fragen sich die Angehörigen immer wieder, ob gerade jetzt vielleicht der richtige Zeitpunkt gekommen ist, das eine oder andere zu verschenken, wegzugeben oder zu entsorgen. Dieser Prozess ist häufig von vielen Tränen und einem sehr schweren Herzen begleitet. Wenn diese Schwierigkeit in meiner Praxis zur Sprache kommt, empfehle ich, sich so wenig wie möglich unter Druck zu setzen sondern einfach Geduld zu haben und den Moment abzuwarten an dem man spürt, dass die Ablösung von bestimmten Gegenständen sich nun ganz natürlich anfühlt. Selbstverständlich gibt es auch die Möglichkeit des kreativen Umgangs damit. Aber jetzt warte ich erst mal deine Antwort ab und schreibe dir das nächste Mal mehr darüber, falls dich das interessiert. In gespannter Erwartung auf deine Meinung dazu: liebe Grüße Eva

Liebe Eva, ja, das hast Du sehr treffend und wertvoll zusammengefasst. Bei den Trauernden, mit denen ich gearbeitet und gesprochen habe, durfte ich viel über dieses Thema lernen. Am härtesten, so scheint mir, sind die Themen Kleidung und Kosmetik. Oder Parfüms. Halt alles, was bei den gestorbenen Menschen so etwas wie die „zweite Haut“ gebildet hat. Was mit der echten Haut in Kontakt war. Das wegwerfen zu müssen, kommt manchen Trauernden so vor, als würden sie den geliebten gestorbenen Menschen ein zweites Mal wegwerfen müssen. Von außen betrachtet mag das irrational klingen – aber in der Trauer ist eben nichts mehr irrational, sage ich immer gerne. Da spricht man halt mit seinen Toten. Und bewahrt ihre Sachen auf. Wenn mich die Leute sowas fragen wie: Finden Sie das wirklich in Ordnung, wenn meine Mutter da noch über Jahre die Klamotten von meinem toten Vater im Schrank hat – das gammelt doch, da kommen doch die Motten…? Dann sage ich gerne, genauso wie Du: Solange diese Dinge da im Schrank liegen, erfüllen sie auch eine Funktion – davon können Sie beherzt ausgehen. Und wenn sich diese Funktion erschöpft hat, können auch die Dinge weg. Meistens geschieht das ganz automatisch. Auf jeden Fall sollte es ohne Druck von außen geschehen. Auch das habe ich oft erlebt – auch selber: Es sind meistens die Angehörigen, nicht die Trauernden selbst, die diese Gegenstände gerne weghaben möchten. Und jetzt bin ich gespannt auf das, was Du sowieso noch sagen wolltest, liebe Eva. Herzliche Grüße, Thomas

Lieber Thomas,

ich finde deinen Vergleich mit der zweiten Haut sehr gelungen. Gerade so ein Bild, das du damit zauberst, hilft den Betroffenen sich selbst besser zu verstehen, wenn sie sich so schwer damit tun, die Dinge, die eben doch mehr als einfach nur Gegenstände sind, aufzugeben. Wenn du nichts dagegen hast, werde ich zukünftig dein Bild mit der zweiten Haut bei meinen Trauerbegleitungen auch verwenden.

Was ich immer gerne und eigentlich vor allem unbedingt bei diesem Thema anregen möchte, ist der kreative Umgang mit dem einen oder anderen Erinnerungsstück, auch wenn es vielleicht nur ein Gebrauchsgegenstand war. Gerade wenn es „nur“ ein Gebrauchsgegenstand des Verstorbenen war, ist es möglicherweise deutlich leichter, diesen zu verändern.

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Auf dem Foto siehst du zum Beispiel die Silber-Löffel-Sammlung meiner Cousine, die mir vermacht wurde. Statt diese in einer Schublade verschwinden zu lassen, habe ich sie schön in Szene gesetzt und werde so immer an meine Cousine erinnert, wenn ich daran vorbei gehe.

In meiner Begleitung habe ich gemerkt, dass die Menschen sich oft sehr schwer tun, die Dinge zu verändern. Sie lassen sie ehr liegen, räumen oder schmeißen sie weg. Veränderung scheint für uns alle immer wieder eine Herausforderung zu sein. Warum denn verändern fragst du? Die Antwort hat mehrere Komponenten: Der Tod des geliebten Menschen hat Vieles verändert. Wenn wir Gebrauchs- und Erinnerungsstücke umfunktionieren indem wir ihnen eine andere, eine neue Form geben, dann machen wir diese Metamorphose auf diese Weise sichtbar bzw. deutlich. Das ist vor allem für uns selbst wichtig, denn zu begreifen, dass derjenige nie mehr zurück kommen wird und eben nicht einfach nur auf einer längeren Dienstreise ist, ist unglaublich schwer. Was mich zum zweiten hilfreichen Aspekt des kreativen Umgangs mit dem einen oder anderen Teil des Nachlasses bringt. Wir müssen irgendwie begreifen, dass der geliebte Mensch nicht mehr kommt. Wenn wir beispielsweise aus seinen Lieblings-T-Shirts ein Kopfkissen oder eine Decke machen, dann tun wir das mit unseren Händen, die uns beim Begreifen helfen. Zusätzlich können wir so ein Kissen oder eine Decke benutzen und in diesem Fall können wir sie nachts, wenn die Sehnsucht besonders groß ist, ganz nah bei uns haben. Hier kommt dein Bild mit der zweiten Haut wieder ins Spiel: Viele tragen unter ihrer Kleidung beispielsweise ein Unterhemd des Verstorbenen. Sie tun dies heimlich, weil sie nicht für verrückt gehalten werden wollen und manche haben auch manchmal Angst, verrückt zu werden. Was ja auch stimmt, denn jetzt, wo der geliebte Mensch nicht mehr kommt und nichts mehr ist wie zuvor, ist alles verrückt. Hier macht sich auch der Kontrollverlust bemerkbar, denn wir konnten den Tod des Verstorbenen nicht verhindern und so wird uns klar, was wir die meiste Zeit verdrängen: wir haben bei den großen Themen des Lebens wie Leben, Liebe, Gesundheit und Tod wenig Einfluss und Kontrolle. Wir können zwar ein gesundes und achtsames Leben führen, doch ist diese Art von Schutz und Kontrolle auch trügerisch. Wenn wir also die Erinnerungsstücke und deren Form und Verbleib selbst in die Hände nehmen, gaukeln wir uns vor, dass wir wenigstens etwas selbst bestimmen können. Das ist gerade in der Phase, in der wir zutiefst erschüttert sind, eine recht einfache aber hilfreiche Maßnahme, um etwas schneller das Gefühl zu bekommen, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen.

Im Sinne der ständigen Veränderung und Wandlung grüße ich dich heute wieder ein Mal ganz besonders herzlich. Eva

Liebe Eva, ja, das ist sehr wahr. Ich glaube, über diesen Prozess der Wandlung werden wir immer mal wieder – auch bei anderen Themen – sprechen müssen. Das mit dem Unterhemd druntertragen finde ich ja irre, das hat mir noch keiner gesagt. Finde ich aber total nachvollziehbar – und warum denn auch nicht? Bei der Frage „Bin ich jetzt verrückt?“ gibt es meiner Meinung nach nur eine Antwort: Natürlich sind Sie das. Aber mit einem Bindestrich dazwischen. Sie sind ver-rückt, weil Ihre ganze Welt ver-rückt ist, nichts ist mehr an dem Platz, wo es vorher war, alles ist durcheinander und muss sich neu ordnen. Klar darf man da ver-rückt sein. Oder, in einem Bild aus der Systemik ausgedrückt: Unsere Welt ist oft wie so ein Mobile. Solange die Dinge irgendwie an ihrem Platz sind, bewegt sich alles in den geordneten Bahnen. Aber wenn eines der hängenden Teile abgeschnitten wird, kippt nicht nur eine der Achsen, sondern es gerät das ganze Gebilde in Unordnung, bewegt sich nicht mehr so hübsch synchron und geordnet, sondern gestürzt und chaotisch. So ist das auch mit dem System unseres Lebens, wenn wir einen Menschen verloren haben oder uns etwas anderes zugestoßen ist. Und was die beständige Wandlung im Leben angeht, das gilt ja auch in weniger drastischen Fällen als beim Tod eines Menschen. Die Engländer bringen das so schön auf den Punkt. „The only thing constant is change“. Da ist viel Wahres dran. Wenn man das erstmal mit ganzem Herzen und ganzer Seele verinnerlicht hat, kann das hilfreich sein. Übrigens darfst Du gerne das Bild mit der zweiten Haut benutzen. Da habe ich kein Copyright drauf. Wäre ja verrückt, oder? Augenzwinkernde Grüße, Thomas

Bei „Zwei Trauerbegleiter unterhalten sich“ handelt es sich um eine Fortsetzungsserie von Thomas Achenbach – Trauerbegleiter und Blogger – aus Osnabrück und mir – Trauerbegleiterin und Buchautorin aus Berlin – in der wir uns über die Themen, die uns in unserer Arbeit begegnen austauschen. Gerne können Vorschläge in der Kommentarfunktion oder per Mail an: info@trauerbegleiter.org gemacht werden, welche Themen wir ansprechen sollen.

 

Warum ein Trauerjahr nicht ausreicht

RIMG0007Nach schwerem Verlust: Warum ein Trauerjahr nicht ausreicht

Bei einem schweren Verlust wie dem Tod eines Elternteils gibt es keine zeitliche Begrenzung, bis wann man trauern sollte, findet unsere Autorin. Sie erzählt aus eigener Erfahrung und hat mit einem Experten für Trauerarbeit gesprochen.

von Laura Waßermann

Hier geht es zum ganzen Artikel.

Zwei Trauerbegleiter unterhalten sich Folge 2: Warum zögern Betroffene so lange bis sie sich Hilfe holen?

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Thomas, gerade heute wurde ich wieder von einer trauernden Witwe gefragt, ob es nicht nach 5 Wochen nach dem Tod ihres Mannes zu früh wäre, sich Hilfe zu holen. Es sei doch bestimmt besser, dass alles irgendwie alleine zu bewältigen, obwohl sie das Gefühl hat, es würde ihr immer schlechter gehen.

Einige meiner Klienten berichten mir, dass sie von ihrem Umfeld teilweise kritisiert werden, wenn sie erzählen, dass sie sich durch eine Trauerbegleitung Hilfe holen. Wahrscheinlich kannst du dir vorstellen, dass dann sogar mir für einen Augenblick die Spucke weg bleibt, wenn ich so etwas höre. Für alles gibt es Beratung und Profis, von Computern über Kücheneinrichtungen bis zu Typberatungen. Dafür wird ohne zu zögern Zeit und Geld investiert. Sobald es aber darum geht, sich Hilfe zu holen für das Schlimmste, das einem im Leben widerfahren kann, wird gezögert, diskutiert, ausgeredet und abgewertet. Eine Zeit lang habe ich angenommen, dass das Umfeld sich entlastet und beruhigt fühlt, wenn sich Betroffene Hilfe holen. Ich bin da ziemlich ratlos, woher diese Haltung wohl kommen könnte, dass Trauer keine Begleitung und Unterstützung benötigt, selbst, wenn man kaum noch ein und aus und wohin mit seinen bedrückenden Gefühlen in seiner Verzweiflung weiß. Vielleicht glauben viele, dass sich Hilfe in der Trauerzeit zu holen bedeutet, dass man psychisch labil oder gestört ist. Und deshalb glaube ich, dass wir gar nicht genug betonen können, dass Trauer keine psychische Erkrankung und sich Hilfe bei Schwierigkeiten zu holen, kein Zeichen für Schwäche ist sondern durchaus ein Zeichen von Stärke sein kann. Was meinst du? Liebe Grüße aus Berlin Eva

Liebe Eva, das ist ein wichtiges Thema, was Du da ansprichst. Auf der Messe „Leben und Tod“ in 2017 hat die Bestatterin Barbara Rolf den Begriff „Fluch der Tapferkeit“ geprägt. Wer als Kind oft zu hören bekam „Ist nicht so schlimm“ oder „Das schaffst Du schon“ oder, am schlimmsten, „ein Indianer kennt keinen Schmerz“, der setzt sich diese inneren Marker als unbewusste Botschaften in die Seele. Ich glaube tatsächlich, dass uns diese frühkindlichen Prägungen im Erwachsenenleben viel stärker beeinflussen, als uns das lieb ist. Reines Bauchgefühl, ich bin kein Psychologe, ich kenne keine Forschungen (Ich werde darüber demnächst noch bloggen, der Text ist derzeit in Arbeit. Hier also in aller Kürze eine Verdichtung des Kommenden)… Und wenn dann mal jemand stirbt…. Dann kommst Du aus diesen alten Mustern so ohne Weiteres nicht wieder raus. Was noch erschwerend hinzukommt: Trauer wird nicht ernst genug genommen. Kaum einer hat das richtige Bild von Trauer im Kopf. Wie denn auch? In Fernsehserien wird ständig gestorben, auf die spektakulärsten Arten – aber dass einer der Angehörigen an seiner Trauer darüber zerbricht, wird leider nie gezeigt. Dabei wäre das normal. Sowas kommt vor. Das gehört dazu. Und so herrscht dann, so befürchte ich, sogar bei Trauernden selbst so eine Meinung vor wie: Alles nicht so schlimm, irgendwie werde ich das doch wohl schaffen… das „bisschen“ Trauer… Oder übertreibe ich da, was meinst Du? Herzliche Grüße, Thomas

Nein, lieber Thomas, da übertreibst du überhaupt nicht. Einer meiner wichtigsten Sätze in meiner Begleitung ist: „Ja, es ist so schlimm, wie du es empfindest.“ (Egal was andere versuchen, dir einzureden). Eine meiner Klientinnen saß mal bei mir und sagte: „Jetzt ist mein Mann schon seit 7 Wochen tot und ich weine immer noch.“ Ich habe ihr damals gesagt, dass sie wohl noch das gesamte erste Jahr unglaublich viel weinen wird. Davon abgesehen, dass diese Heulerei enorm anstrengend ist und wir uns alle bis dahin kaum vorstellen konnten, dass wir überhaupt so viel weinen können, ist es ein Zustand, der natürlich nicht alle Menschen so hart trifft. Manche schaffen es, sich Hilfe zu holen und manche versuchen, es mit sich alleine aus zu machen. Was ich aber so besonders an unserer Arbeit finde, ist, dass die Leute genau dann so schwer trauern, wenn sie durch sehr große Liebe mit dem Verstorbenen verbunden waren bzw. immer noch sind und verzweifelt einen Weg suchen, wie sie diese Liebe irgendwie weiter leben können. Das bedeutet, dass es Verluste gibt, die man leichter verkraftet und welche, die kaum überwindbar sind. Dadurch sind wir alle dazu aufgerufen, die einzelnen Situationen ganz individuell zu betrachten und zu würdigen, statt von der einen Art des Umgangs damit auf die andere zu schließen und die falschen Erwartungen daran zu knüpfen. Es ist eben nicht nur so, dass jeder anders trauert, sondern dass auch noch jeder anders liebt und das jede Beziehung auch noch ihre ganz besondere Eigendynamik hat. Wir können es doch schon in Familien sehen, in denen der Vater oder die Mutter stirbt und die Geschwister komplett unterschiedlich darauf reagieren. Daher plädiere ich auch in Sachen Trauer für mehr Toleranz, Offenheit und auch Mut das zu leben, was man fühlt und nicht das, was einem beigebracht und eingeredet wird. Also machs gut. Eva

Liebe Eva, ja, das wird in Deinen Zeilen spürbar, dass es Dich da gepackt hat – das scheint ein Thema zu sein, bei dem Du an Deinem ganz eigenen Grundwasser angekommen bist…. Womit wir beim Thema Selbstachtsamkeit gelandet wären, aber das besprechen wir besser später mal. Was beim Lesen Deiner Zeilen in mir wach geworden ist: Diese Angst, die Liebe zu dem verstorbenen Menschen irgendwie verlieren zu können, das ist wirklich oft ein Thema. Oder, noch viel schlimmer, die Angst davor, dass die Erinnerungen an den gestorbenen Menschen verblassen könnten. Oder sogar verschwinden könnten. Deswegen trifft es Menschen in einer Verlustkrise ja auch so hart, wenn ihnen andere Menschen raten, sie sollten die verstorbenen Menschen jetzt einmal „loslassen“. Aber das geht ja gar nicht – und darum geht es ja auch gar nicht. Ich zitiere an dieser Stelle immer gerne Roland Kachler, der gesagt hat: Es geht nicht ums Loslassen, es geht darum, der Liebe zum gestorbenen Menschen eine andere Form zu geben. Es geht darum, den Verstorbenen in einer neuen, transformierten Form im eigenen Leben, in der eigenen Biographie verankern zu können – aber, und das ist das Wichtige: So verlässlich dort verankern zu können, dass ich mich getrost darauf verlassen kann, diesen Menschen ebendort, an diesem neuen inneren Platz, immer wiederfinden zu können. Das ist es, glaube ich, was man als Trauerweg beschreiben könnte. Und an die Stelle des „Loslassens“ muss ein sanftes Begreifen treten: Ja, es ist wahr, der Mensch ist wirklich gestorben… Das ist natürlich, wie alles, leichter gesagt als getan. Aber das wird Dir in Deiner Arbeit mit Trauernden auch immer wieder begegnen, oder? Was sagst Du Ihnen dann? Und wie siehst Du das überhaupt? Herzliche Grüße, Thomas

Lieber Thomas, dadurch dass ich bereits meine Mutter durch Suizid und meinen Lebenspartner Tom durch Krebs verloren habe, kann ich Trauernden versichern, dass es funktioniert, dass diese Menschen, die einem einst so wichtig waren, immer wichtig bleiben werden und dürfen. Tatsächlich leben sie weiter in meinem Herzen. Wir haben auf diese Weise die Gelegenheit festzustellen, wie groß unser Herz eigentlich ist und dass dort auch noch ordentlich viel mehr Platz ist, um auch noch mehr Lebende dort zu verorten. Unser Herz ist eben ein Muskel und wenn wir diesen trainieren, dann wächst er und wird stark. Das ist ein gutes Gefühl auch wenn der Verlust genau dort in unserem Herzen unendlich weh tut. Aber da ich weiter oben den Suizid meiner Mutter angesprochen habe: Übermorgen, am 10. September ist Welt-Suizid-Präventionstag. Eines meiner Ziele ist es, dem Thema Suizid in unserer Gesellschaft zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen, daher habe ich das Buch: „Ich konnte nichts für dich tun: Trauern und Weiterleben nach einem Verlust durch einen Suizid“ geschrieben. Es ist mir wichtig, dass wir begreifen, dass es viel mehr Menschen gibt, die unter Depressionen leiden, als wir es uns vorstellen können. Viele Betroffene merken es oft noch nicht einmal selbst, dass sie diese Krankheit haben und es wird unterschätzt, wie tödlich diese sein kann. Daher kann Aufklärung als Prävention sehr entscheidend sein. Beispielsweise bin ich heute beim rbb in die Sendung zibbeingeladen worden, um über dieses Thema zu sprechen. Dass über den Welt-Suizid-Präventionstag immer mehr in den Medien berichtet wird, führt hoffentlich dazu, das Menschen, denen es seelisch nicht gut geht, sich aufmachen, um sich Hilfe zu holen. Auch hier, genau wie beim Thema Trauer, statt sich Hilfe zu holen, zögern die Menschen oft viel zu lang und schlagen sich ganz alleine mit schwierigen Situationen und Gefühlen durch die Welt und werden dabei immer einsamer und verstummen immer mehr. Das ist nicht gut. Für niemanden. In diesem Sinne Grüße ich dich. Eva

Gibt es Begegnungen mit Verstorbenen?

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Von Christian von Kamp

Wie Sie darüber denken, weiß ich nicht. In der Öffentlichkeit jedenfalls handelt es sich um ein Tabuthema, über das „man“ nicht spricht. Spontane Kontakte oder Kommunikation mit verstorbenen Menschen, Begegnungen mit ihnen? Unsinn, Einbildung, Halluzinationen.

Vielleicht würde ich auch so denken, wenn ich nicht meine eigenen Erfahrungen damit gemacht und dann recherchiert hätte, wobei ich auf erstaunliche Ergebnisse gestoßen bin. Aber der Reihe nach:

2008 erkrankte meine geliebte Frau Monika an Magenkrebs. Sie starb im Sommer 2009. Eigentlich hätte ich zusammenbrechen müssen, aber es kam anders. Der Tag ihrer Beerdigung war einer der glücklichsten Tage meines Lebens, denn ich spürte die ganze Zeit über intensiv ihre Gegenwart, fühlte, wie gut es ihr ging, nahm teil an der Freude und dem tiefen Frieden, die sie erlebte. Wissenschaftlich korrekt wäre eigentlich zu sagen, dass ich den subjektiven Eindruck hatte, es sei so gewesen, auch wenn ich mir vollkommen sicher war, dass ich etwas Echtes erlebte.

Dieses Gefühl hatte ich in den folgenden Monaten häufiger, und zwar vor allem dann, wenn ich in Situationen kam, in denen ich eigentlich besonders traurig hätte sein müssen, z.B. wenn ich Monikas Grab aufsuchte oder eine Reise zu unserem Lieblings-Urlaubsziel unternahm. Die Erfahrungen trösteten mich ungemein.

Übrigens hatte, wie ich im Nachhinein erfuhr, eine Freundin von uns in der Stunde von Monikas Tod ihre Stimme gehört – in einer anderen Stadt, ohne von ihrem Sterben zu wissen. Die Stimme sagte unter anderem: „Ist das schön hier! … Trauert bloß nicht um mich.“

Mich interessierte, wie andere zu dieser Erfahrung standen, daher sprach ich eine ganze Reihe von Freunden und Verwandten an. Erstaunlicherweise erntete ich nicht nur verlegenes Schweigen oder den zarten Hinweis, ob das nicht alles Einbildung sein könne, sondern viele sagten mir: „Ja, ich habe Ähnliches erlebt! Ich habe meinen Vater ganz deutlich neben mir gefühlt. … Ich sah meinen verstorbenen Sohn neben seinem Grab. … Immer, wenn ich zum Friedhof kam, spürte ich, wie mein Kind seinen Arm um mich legte.“

Als ich denn nachforschte, was in der Fachliteratur zu diesem Thema zu finden war, stellte ich fest, dass bereits zahlreiche medizinische und psychologische Studien zu diesem Phänomen vorliegen, die durchgehend zu dem Ergebnis kommen, dass diese Erfahrungen weit verbreitet sind, vor allem bei hinterbliebenen Partnern und bei den Eltern verstorbener Kinder. Häufig wird auch betont, wie sehr solche Erlebnisse helfen können, die Trauer zu bewältigen. Soweit Erklärungen gesucht werden, ist oft, aber nicht immer von Trauer-Halluzinationen oder Ähnlichem die Rede.

Bei genauerem Hinschauen können einem Umstände solcher Erfahrungen auffallen, die nachdenklich machen. Beispielsweise, dass gelegentlich mehrere Menschen gemeinsam eine solche Erfahrung machen. Oder dass Personen eine Begegnung mit einem Verstorbenen erleben, von dessen Tod sie noch gar nichts wussten. Oder dass Menschen eine solche Erfahrung machen, die als fernstehende Bekannte gar nicht trauern. Manche erleben eine „Begegnung“ auch erst nach ein oder zwei Jahrzehnten, ihre Trauer ist längst abgeklungen. Und ein Bekannter von mir teilte mir mit, wie seine verstorbene Frau ihm half, einen verschollenen Schlüssel zu finden.

Wie auch immer: Ich persönlich – und ebenso diejenigen, die mir von ihren Kontakten berichteten – haben sie als echt erfahren. Und vor allem als trostreich.

Mehr über Nachtoderfahrungen findet ihr hier

Eine Woche für die Liebe

 

RIMG0032Einige von euch wissen, dass ich ein großer Kim Fleckenstein Fan bin und ihre Hypnoapps selbst höre und gerne empfehle. Ab morgen gibt es von ihr etwas ganz Besonderes: Kostenfrei das Meditationsprogramm: „7 Tage für die Liebe“. Hier könnt ihr schon mal in das heutige Vorwort hinein hören. Dort gibt es auch oben rechts einen Button mit dem ihr euch anmelden könnt.