Tag-Archiv | Thomas Achenbach

Zwei Trauerbegleiter unterhalten sich: Wie funktioniert eigentlich Trauerbegleitung? Thomas Achenbach und Eva Terhorst im Gespräch

RIMG0003 (1)Liebe Eva, ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen mit dem Begriff „Trauerbegleitung“ eigentlich gar nicht so richtig etwas anfangen können. Zu den Standardfragen, die dann gerne mal kommen, gehört zum Beispiel: Wie funktioniert das eigentlich genau? Gibt es da ein Ziel, auf das man hinarbeiten kann? Oder, auch das kommt vor: Können Sie die Trauer irgendwie wegmachen? Geht es Dir auch so, Eva, hast Du ähnliche Beobachtungen gemacht? Und was sagst Du den Menschen denn dann? Liebe Grüße, Thomas

Lieber Thomas, das ist gut, dass du dieses Thema ansprichst, denn der Begriff Trauerbegleitung ist in unserer Gesellschaft relativ neu und er wird leider noch oft missverständlich erklärt und aufgefasst. So steht zum Beispiel bei Wikipedia, dass Trauerbegleitung von Angehörigen, Freunden und Kollegen – eben vom Umfeld geleistet wird. Erst dann, wenn die Trauer pathologisch wird, wird eine professionelle Trauerbegleitung genutzt. Dem möchte ich ganz vehement widersprechen. Die Menschen, die bisher zu mir gekommen sind, um sich von mir begleiten zu lassen, befanden sich allesamt und ausschließlich nicht in einem pathologischen Zustand der Trauer. Viele haben einfach festgestellt, dass sie selbst und auch das Umfeld sich eigentlich so gut wie gar nicht mit dem Thema auskennen. So kommt es zu so quälenden Situationen, dass Betroffene unter großem Druck stehen, wenn sie sich nach ein paar Wochen immer noch traurig und lustlos fühlen. Wenn dann noch Freunde, Verwandte und Bekannte gut gemeinte Bemerkungen machen, dass es doch mal so langsam wieder gut sein muss, denken viele, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Also suchen sie Hilfe aber sie sind ganz und gar nicht pathologisch. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie erleichtert manche meiner Klienten von mir fort gehen, weil ich ihnen klar machen konnte, dass das, was sie erleben und fühlen, komplett normal ist. Die schlechte Nachricht ist natürlich, dass so ein Trauerprozess einfach viel schwerer und länger ist, als man ihn sich vorgestellt hat und man erst so nach und nach lernt, damit umzugehen.

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Da gibt es viele Phasen und Momente an denen man selbst und das Umfeld überfordert ist und es eine wirklich gute Idee ist, sich Hilfe zu holen. Das bedeutet aber nich

t, dass etwas mit einem nicht stimmt. Sich in schwierigen Situationen Hilfe zu holen, scheint etwas zu sein, was sich nur Wenige trauen. Das finde ich sehr schade, denn auch wenn die Trauerzeit ein sehr schwerer Lebensabschnitt ist, kann sie sehr intensiv genutzt werden. Zum Glück wird es aber in unserer Gesellschaft immer normaler und anerkannter, sich in schwierigen Situationen professionelle Hilfe zu holen. Lieber Thomas, jetzt sende ich dir erst Mal liebe Grüße aus Berlin und bin auf deine Antwort gespannt. Eva

Liebe Eva, da hast Du recht. Ich hatte noch neulich nach einem meiner Vorträge diese Situation, dass ein Mann mich fragte, was denn Trauerbegleitung eigentlich ist. Ich erklärte es ihm – und er sagte: Also im Wesentlichen wird da geredet…? Auch wenn ich verstehen kann, dass auf Außenstehende so wirkt, ist es natürlich eigentlich falsch. Denn im Wesentlichen wird bei einer Trauerbegleitung ja… – verstanden. Das verstanden, was Freunde, Verwandte und Kollegen schon nicht mehr verstehen können oder wollen. Worüber man ihnen keinen Vorwurf machen muss, denn wer in einer solchen Trauerkrise nicht drinsteckt, für den ist oft wirklich schwer nachvollziehbar, wie lange sich so etwas hinziehen kann. Wie wenig „Entwicklung“ oder „Vorwärtskommen“ darin steckt. Ich habe – genauso wie Du – oft die gute Erfahrung gemacht, dass den Trauernden es ungemein gut tut, wenn sie signalisiert bekommen: Es muss gar kein Vorwärtskommen geben. Es darf jetzt erstmal alles da sein, was gerade da ist. Und das muss raus. Und wenn das lange dauert – Monate, Jahre, länger -, dann ist das eben so. Das gehört dazu. Julian Barnes schreibt in seinem wundervollen Buch „Lebensstufen“ dazu: „Es tut exakt weh, wie es die Sache wert ist.“ Übrigens ist Trauerbegleitung gar nicht immer nur ein Miteinander-Reden. Manchmal ist es auch ein Miteinander-Schweigen. Oder einfach ein Aushalten. Dabei muss es auch gar nicht immer traurig zugehen: Ich habe neulich mit einer Trauergruppe gearbeitet, deren Mitglieder alle wirklich harte Schicksale zu ertragen haben. Aber an dem Abend wurde auch gelacht und es fühlte sich irgendwie gut an. Geht auch. In der Trauer. Hast Du bestimmt auch schon einmal erfahren, oder? Herzliche Grüße, Thomas

Lieber Thomas, genau – es wird verstanden, was der Betroffene manchmal selbst noch gar nicht versteht und einordnen kann und wir helfen ihm dabei. Und was das Lachen betrifft, ich hatte mal eine Trauergruppe mit der ich so viel geweint und gelacht habe, dass ich es heute noch spüren kann. Genau in dieser Zeit meldete sich der Journalist Arnd Zickgraf von der Zeit und wollte ein Statement von mir über Trauer. Nach unserem Gespräch hat er seinen geplanten Artikel verworfen und einen neuen geschrieben: „Wer trauert, darf auch lachen“ http://www.trauerbegleiter.org/download/Zeit_online_Januar_2013.pdf

Ich habe mal ganz provokant gesagt, dass das Umfeld Trauernde weder weinen noch lachen sehen möchte. Weinst du, ist es belastend, lachst du, ist es irritierend. In einer Trauergruppe ist beides möglich. Es wird verstanden, richtig eingeordnet und nicht bewertet. Keiner denkt dort, wenn jemand lacht, dass er nicht genügend trauert. Das ist so entlastend und wir alle wissen eigentlich, dass in Extremsituationen Weinen und Lachen sehr nahe beieinander liegen können. Ich kann es gar nicht oft genug betonen: Der Verlust eines geliebten Menschen ist eine Extremsituation! Schwierig macht es doch erst die Tatsache, dass Sterben zum Leben dazu gehört und von daher als normal empfunden wird. Bis es einen dann selbst trifft und die Umstände, die persönliche Struktur, die individuellen Situation und die spezielle Bindung an den geliebten

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Menschen einem aufzeigen, dass normal auch höllisch und lange weh tun kann. Hier hilft eine Trauerbegleitung, um sich selbst besser wahr zu nehmen. Zu begreifen, dass dieser große Schmerz mehr mit großer Lieber als mit großer Schwäche zu tun hat und wie man sie – die große Liebe – bewahren und trotzdem gut weiter leben kann – irgendwann. Lieber Thomas, ich freue mich sehr darüber, in dir jemanden gefunden zu haben, mit dem ich mich über diese wichtigen Themen unserer Arbeit auf diese Weise austauschen kann. Danke und liebe Grüße Eva

Liebe Eva, ja, ich erlebe das auch als sehr wertvoll und es fließt mir fast wie von selbst aus den Händen. Ich glaube aber auch, dass sich Menschen in einer Trauersituation alleine schon aus diesen Dialogen etwas herauspicken können, was ihnen gut tut. Aber nochmal zurück zur Ausgangsfrage: Ob eine Trauerbegleitung irgendein Ziel braucht. Ich glaube: Das braucht sie nicht. Es ist ja kein Coaching, in dem sich immer alles darum dreht, welches Ziel auf welche Weise erreicht werden kann… Natürlich kann man auch mal auf Ressourcen gucken. Aber erstmal geht es ums Verstandenwerden. Das ist es, was ich im Gespräch mit Trauernden gerne sage, nein, es gibt jetzt erstmal keine Ziele für Sie. Es gibt nur ein Hindurchgehen. Was mir die Trauerbloggerin Anja von „Ein Stück untröstlich“ einmal darauf geantwortet hat, fand ich auch wertvoll – sie beschrieb mir, dass sie an einem Tag auf einmal wahrgenommen habe, dass sie atmet. Nicht mehr, nicht weniger. Aber so als Aha-Effekt: Ach, guck mal, ich atme ja. Hatte ich ganz vergessen, dass ich das tue. Dass ich das kann. So ein Wahrnehmen, als eine wichtige, sagen wir mal, Zwischenetappe auf dem Weg… das reicht oft manchmal. Solche Impulse sind es übrigens auch, die ich an unserer Arbeit so schätze – dass du auf diese vielen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten gestoßen wirst, die in Wahrheit alles andere als selbstverständlich sind. Das weckt so etwas wie Demut in einem. Und Demut ist etwas Wichtiges, finde ich. In diesem Sinne sende ich Dir herzliche Grüße, Thomas

 

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Thomas Achenbach, Trauerbegleiter aus Osnabrück

„Zwei Trauerbegleiter unterhalten sich“: Hier tauschen sich die beiden Trauerbegleiter Thomas und Eva über die Themen ihrer Arbeit aus. Das soll zu einem besseren Verständnis beitragen, warum Trauerbegleitung wichtig ist und euch helfen, besser zu verstehen, was ihr gerade durch macht, wenn ihr einen geliebten Menschen verloren habt. Auch für Angehörige von Trauernden kann dieser Dialog hilfreich sein. Denn es ist manchmal nicht so leicht nachzuvollziehen, was in jemandem vor sich geht, wenn er trauert. So kommt es schnell zu Missverständnissen und gut gemeinten Ratschlägen, die oft das Gegenteil vom

ET_00051Beabsichtigten auslösen. Sehr, sehr gerne können Trauernde, Angehörige,  Trauerbegleiter und alle, die mit dem Thema zu tun haben, mit ihren Kommentaren dazu beitragen, dass dieser Dialog lebendig und hilfreich sein kann!

 

Eva Terhorst, Trauerbegleiterin und Buchautorin aus Berlin

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